Sie sind lecker und machen meist gute Laune: Getränke wie Bier und Wein, Sekt und Schnaps sind für viele Menschen selbstverständliche Zutat geselliger Anlässe und für nicht wenige eine Art Lebensmittel, das man sich alltags zum Abendbrot gönnt. Giulia Enders ist Expertin für Magen und Darm und erklärt, wie Alkohol auf kuriose Weise die Arbeit dieser Organe beeinflusst.

ZEIT Doctor: Der Aperitiv, der Digestif gehören nicht nur oft zu einem guten Essen, der Alkohol soll einer besseren Verdauung dienen. Tut er das?

Giulia Enders: Das kommt darauf an, ob wir unseren Magen "beschwipsen" oder "besaufen" – und womit. Bei geringen Mengen Alkohol transportiert unser Magen seinen Inhalt schneller weiter zum Dünndarm. Alkohol macht nämlich den sehr strengen Magenpförtner etwas lockerer: Der lässt sonst nur millimeterkleine Partikel in den Dünndarm und wird dann schludrig und schickt auch gröbere Brocken durch. So fühlen wir uns durch einen kleinen Schnaps weniger vollgestopft – allerdings eher durch ein Schummeln. Unser Dünndarm hätte nämlich schon lieber kleinere Happen.

ZEIT Doctor: Was passiert, wenn es nicht bei einem Verdauungsschnäpschen und dem Schwips bleibt?

Enders: Große Mengen Alkohol verzögern die Magenentleerung, Magen und Dünndarm bewegen sich dann kaum mehr.

ZEIT Doctor: Geraten die quasi schon ins Koma?

Enders: Ja, so zusagen! Der Alkohol blockiert zusätzlich bestimmte Verdauungsenzyme für Kohlenhydrate. Dem Darm geht es dadurch kurzzeitig so, als hätte er eine Laktoseintoleranz und würde Milch bekommen. Die Kohlenhydrate rauschen dann unverdaut durch den Dickdarm. Das ist eine Ursache hinter dem uncharmanten Begriff des "Bierschisses".

ZEIT Doctor: Rotwein, Glühwein, Weihnachtsfeiermarathon: In den kommenden Monaten droht vielen Menschen Sodbrennen …

Enders: … und da spielt die Art des Alkohols eine Rolle: Solche, die nicht destilliert wurden – wie Bier, Wein, Champagner, Martini oder Sherry –, steigern den Säureausstoß im Magen um etwa das Fünffache. Wenn das zusammenkommt mit einem aufgelockerten Verschlussmuskel zur Speiseröhre, kann ordentlich Säure hochkommen. Interessant für Aufstoßer ist: Gebrannte Alkohole haben keine Wirkung auf die Magensäure. Whiskey, Brandy oder Rum sind diesbezüglich also dann die etwas besseren Alternativen.

ZEIT Doctor: Gibt es denn, gesundheitlich betrachtet, guten und schlechten Alkohol?

Enders: Das ist ja das Schöne am Alkohol – er ist auf jeden Fall ein Gift. Da gibt es endlich mal nicht so viel zum Herumdiskutieren wie bei anderen Essensthemen. Wir nehmen durch den Alkohol auch einige Stoffe schlechter auf: Vitamin B12 zum Beispiel, Zink, Eisen, Thiamin und verschiedene Aminosäuren. Aber immerhin kann man sich die Nebenwirkungen aussuchen: Whiskey macht weniger Sodbrennen, ist aber etwas aggressiver zur Schleimhaut. Wein und Bier kurbeln zwar die Magensäureproduktion an, aber dafür beinhalten sie auch schleimhautschützende Stoffe, durch die die Schleimhaut nach dem Weinkonsum schneller wieder fit ist. Einige davon haben dem Rotwein sein gutes Image eingebracht, wie Quercetin, ein Pflanzenstoff.

ZEIT Doctor: Was kann dieser Stoff denn bewirken?

Enders: Er ist ein Polyphenol und soll vor Magengeschwüren, Krebs und Gicht schützen. Fairerweise muss man sagen: Es gibt diesen Stoff auch in Blaubeeren, Kapern, Brokkoli und anderem. Nur fehlt diesen Lebensmitteln eben die Fähigkeit, unsere Großhirnrinde für eine Weile angenehm stumm zu schalten, sodass die meisten es nicht zur Abendroutine machen, sich ein Glas Blaubeeren reinzuzwitschern.

ZEIT Doctor: Alkohol desinfiziert, er tötet Keime. Verändert er also unser Mikrobiom, die Darmbakterien?

Enders: Getränke mit einem Ethanolgehalt von unter 50 Prozent haben keinen großen antibakteriellen Effekt. Im Gegenteil: Man sieht bei Menschen, die zu oft Alkohol trinken, dass sie enorm viele Bakterien im Darm haben – selbst im Dünndarm, wo nicht so viele Bakterien hingehören. Das kann zu Blähungen, Durchfall, Bauchweh oder Schwindel führen. Außerdem kann Alkohol die Darmbarriere angreifen. Sie wird durchlässiger, und es kommen mehr Stoffwechselprodukte der Bakterien in den Blutkreislauf. Einige Forscher vermuten, dass uns bestimmte Darmbakterien, die sich bei Alkoholkonsum vermehren, auf die Stimmung schlagen, man fühlt sich dann ähnlich wie bei einer Erkältung. Eine weitere Hypothese dazu lautet: Machen uns die Bakterien ängstlicher oder depressiver, könnte das den unheilvollen Kreislauf einer Alkoholsucht verstärken – nämlich indem man dann eher wieder zur Flasche greift, um sich zu beruhigen.

ZEIT Doctor: Alkohol zu trinken hat eine lange Geschichte. Im Mittelalter wurde Dreckwasser desinfiziert, indem daraus dünnes Bier gebraut wurde – und das bekamen dann alle, auch die Babys.

Enders: Das war vielleicht gar keine schlechte Idee, denn es gibt Experimente, in denen zum Beispiel Wein gezielt gefährliche Bakterien abtötet wie Salmonellen, E. coli oder Shigellen. Das liegt allerdings nicht am Alkohol alleine, denn ein identisches Wasser-Alkohol-Gemisch hat diesen Effekt nicht. Vermutlich sind andere Ursachen dafür verantwortlich: der saure pH-Wert, die weinproduzierenden Mikroben und Polyphenole. Gemeine Bakterien kommen damit weniger gut aus. Wasser und Milch wirken im Vergleich dazu gar nicht antibakteriell, Bier und Cola ein bisschen, aber weniger.

ZEIT Doctor: Wein killt Keime demnach zuverlässiger als Bier?

Enders: Ja, vor der Entdeckung von Wasserhygiene und Antibiotika war vermutlich Wein das sicherste Getränk.

ZEIT Doctor: Was kann man tun, um möglichst körperfreundlich alkoholhaltige Getränke zu sich zu nehmen?

Enders: Auf 70 Grad erwärmen und dann friedlich dabei zusehen, wie der Alkohol verdampft. Am besten bei einem kleinen Gläschen Blaubeeren.