Es kann hier nicht darum gehen, was Angela Merkel in 14 Jahren geleistet hat (ziemlich viel), sondern nur darum, was sie zurzeit noch schafft (sehr wenig) und in Zukunft vielleicht noch vollbringen könnte (noch weniger).

Anders als zu erwarten stand, verweht ihre Kanzlerschaft zum Ende hin nicht einfach, sie beginnt zu verderben. Es wäre schade um eine große Kanzlerschaft. Tatsächlich liegt im 14. Jahr ungefähr alles in Scherben: Vor zwei Jahren befand sich nur die SPD in einer tiefen, vielleicht existenziellen Krise, nun auch die CDU. Vor 15 Monaten drohten die Fraktionsgemeinschaft und die Schwesternschaft von CDU und CSU zu zerbrechen, heute muss man eine Spaltung der CDU selbst für möglich halten, wenn nämlich im Osten Teile der Partei mit einem Faschisten kooperieren wollen. Vor einem Jahr konnte man noch glauben, mit Annegret Kramp-Karrenbauer sei eine würdige Nachfolgerin von Angela Merkel an die Spitze der Union gewählt worden. Heute ist sie schon weitgehend demontiert, während teils verdeckt, teils offen ein Machtkampf um die Spitze tobt, der nur deshalb nicht zugleich als Richtungskampf interpretiert werden kann, weil bislang keiner der Beteiligten eine erkennbare Richtung hat.

Auch der Zustand der Regierung verschlechtert sich. Der Konflikt zwischen der Verteidigungsministerin und dem Außenminister um eine Sicherheitszone in Nordsyrien stellt einen historischen Tiefpunkt bundesdeutscher Außenpolitik dar. AKK hat ihren Vorstoß schlecht durchdacht und noch schlechter vorbereitet, während Heiko Maas sich in Ankara allen Ernstes an die Seite des Außenministers einer autokratischen Regierung stellte, um mit ihm zusammen seine eigene Kabinettskollegin runterzuputzen. Fatalerweise handelte es sich bei diesem schweren Fauxpas keineswegs um einen Ausrutscher in einer an sich funktionierenden Außenpolitik, einfach weil eine konturierte deutsche Außenpolitik im auseinanderdriftenden Westen kaum mehr auszumachen ist. Auch die Befürchtung, die Kanzlerin werde sich in den letzten Jahren ihrer Amtszeit – wie bei späten Kanzlern üblich – in die Außenpolitik stürzen, hat sich als zu optimistisch erwiesen. Tatsächlich hat Merkel beispielsweise eine Antwort auf den fast flehentlich um deutsch-französische Orientierung bemühten Emmanuel Macron der CDU-Parteivorsitzenden überlassen, der dafür schlichtweg der passende Rang fehlte, was im Übrigen auch bei ihrem Vorstoß für eine Sicherheitszone der Fall war. Statt zum Renommierfeld der Kanzlerin mutiert die deutsche Außenpolitik allzu oft zum Übungsfeld ihrer Dann-wohl-doch-nicht-Nachfolgerin.

Die koalierenden Parteien in dramatischen Krisen, die Regierung stellenweise desolat – und das Land? Kaum besser: Deutschland hat keine einigermaßen funktionierende Bundeswehr, der Gesundheitsminister fahndet in Mexiko (!) nach Altenpflegerinnen, weil sich hier wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und des niedrigen Lohns nicht genügend Menschen finden, die diesen Job machen wollen. Deutschland verfehlt seine selbst gesetzten Ziele für Arten- und Klimaschutz, die Regierung bricht hier Verträge in Serie. Das Klimapaket der Groko ist nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Ostdeutschen und die AfD-Wähler ausgesprochen dürftig ausgefallen, nur damit am Ende die AfD bei den Wahlen im Osten besonders gut abschneidet. So eben sieht mittlerweile das großkoalitionäre Muster aus: Sie scheitern aus Angst um die Mehrheiten an der materiellen Wirklichkeit – Bundeswehr, Klima, Pflege, Digitalisierung, Artensterben – und verlieren trotzdem oder gerade deswegen obendrein auch noch die Mehrheit.

Deutschland im Merkel-Biedermeier – und scheinbar kein Entrinnen

Nun wäre es infantil, die Schuld für all diese Fehlentwicklungen vor allem der Kanzlerin zuzuweisen, Deutschland ist schließlich keine Monarchie, es sind ja immer viele Mächte am Werk. Dennoch ist eine Art Merkel-Biedermeier entstanden, aus dem es bis heute kein Entrinnen zu geben scheint (und das, obwohl Merkel selbst gar nicht bieder ist). Es liegt jedoch in der Dynamik sehr langer, zu langer Regentschaften, dass man anfängt als Anderer oder eben Andere und dadurch Erfolg hat, dass dann aber im Laufe der Jahre eben wegen des Erfolgs dieses Andere immer mehr nachgeahmt wird und so seine dialektische Spannung verliert, das Alternative wird zum Konformen, die Checks and Balances schwächen sich ab. Am Ende bekommt eine solche Regentschaft dann entweder Züge von Tyrannei, was bei der gänzlich untyrannischen Merkel kaum der Fall ist, oder eine umfassende Müdigkeit macht sich breit, gepaart mit Gereiztheit. Für die Müdigkeit steht die Groko, für Gereiztheit die Öffentlichkeit. Und die AfD.

Und es liegt ebenfalls in der Tragik so langer Regierungszeiten, dass sich ein Land seinem Richtlinien gebenden Oberhaupt anverwandelt, was im Falle von Angela Merkel dreierlei bedeutet, zunächst: Macht durch Moderieren; ein probates Mittel, das allerdings stets voraussetzt, dass es Energien und Ideen gibt, die stark genug sind, um des Moderierens wert zu sein, aber nicht so stark, dass sie sich nicht mehr moderieren lassen. Letzteres scheint nun aber immer häufiger der Fall zu sein.