Morgens schwärmen sie von einer großen Zukunft, abends verkämpfen sie sich in der bitteren Realität. So war der Montag in der Autorepublik. Am Vormittag eröffnete Volkswagen in Zwickau im Beisein von Angela Merkel das erste Werk für Elektroautos in Deutschland. Am Abend trafen sich Autobosse, Spitzengewerkschafter und Bundesregierung im Kanzleramt und suchten nach Lösungen aus der Autokrise. Wenig Konkretes wurde beschlossen, doch eins ist inzwischen klar: Dieses Land sollte seine in Verruf geratene Industrie mit Milliarden stützen – das Steuergeld wäre gut investiert, obwohl einige Konzerne noch ein Vielfaches verdienen. Wie soll man das verstehen?

Dass die großen Autobauer in einer Krise stecken, haben sie schließlich vor allem selbst zu verantworten. Sie haben durch Verzögerung, Ignoranz und Betrug den Diesel in Deutschland unmöglich gemacht und Investitionen für die Zukunft nach dem Verbrennungsmotor verschleppt.

Der Dieselskandal und die Debatte um mehr Klimaschutz haben VW und Co. endlich bewegt. Doch inzwischen genießt der Dieselantrieb hierzulande einen ähnlich schlechten Ruf wie seinerzeit die Atomkraft. Und die Wende zum Elektroauto kommt jetzt ebenso rasant über das Land wie damals die Abkehr von den Reaktoren. Die Folgen hat kaum jemand durchdacht.

Der Wandel trifft alle, aber nicht alle gleichermaßen. Ob Volkswagen einen Dieselmotor oder einen Elektromotor in den neuen Golf 8 baut, ist dem Konzern fast einerlei.

Aber was wird aus dem Zulieferer, der die Zündkerzen liefert? Was macht der Zwischenhändler für Kurbelwellen? Und wie will der Unternehmer, der sich auf Zylinderkopfdichtungen spezialisiert hat, morgen überleben?

All diese Teile sind im Elektromotor überflüssig. Sind es die Unternehmen – und damit deren Beschäftigte – auch? Ihnen muss der Staat helfen, die schlimmsten Härten des Wandels abzufedern.

Denn zu den strukturellen Problemen kommt jetzt der normale Lauf der Konjunktur hinzu. Nach einem nicht enden wollenden Boom, vor allem in China, geht die Nachfrage nach deutschen Autos in Fernost erstmals seit Jahren deutlich zurück. Deshalb fehlt der Branche Geld für Investitionen in die Zukunft.

Wirtschaftsweisen - "Der Aufschwung ist beendet" Der Sachverständigenrat senkt die Wachstumsprognose für 2019 von 0,8 auf 0,5 Prozent. Maßgeblich dafür seien die schwächelnde Industrie und die Europäische Zentralbank. © Foto: Bernd von Jutrczenka

Disruption und Rezession zusammen, das sind die Bestandteile dieser Krise, die am Ende ähnlich verheerend werden kann wie die Folgen der Weltfinanzkrise 2009. Doch aus dieser Zeit lässt sich auch lernen, welche Instrumente wirksam helfen können. Damals haben Kurzarbeitergeld und Abwrackprämie dieses Land vor einem noch schärferen Abschwung bewahrt.

Beide Zutaten gibt es jetzt in ähnlicher Form wieder: Die E-Auto-Prämie und das von der IG Metall ins Spiel gebrachte Transformationsgeld, eine Art Kurzarbeitergeld. Es kann dafür sorgen, Facharbeiter so umzuschulen, dass sie auch beim Bau eines E-Motors gebraucht werden. Wenn die Angestellten entsprechend qualifiziert sind, werden am Ende vielleicht weniger als die befürchteten 150.000 Stellen in der Autoindustrie abgebaut.