Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Angela Merkel den Rückzug von der Spitze ihrer Partei angekündigt hat. Und das Ende ihrer Kanzlerschaft. "Ein Vorgehen ohne Beispiel", wie Merkel einräumte. Nun aber beginne "ein sehr schöner Prozess" der Selbstvergewisserung, "an dem die Mitglieder auch ihre Freude haben sollten".

Ein sehr schöner Prozess ist es wahrhaftig nicht geworden. Stattdessen wirkt die einstmals in sich ruhende Regierungspartei wie außer Rand und Band. Bis in die Spitze hinein argwöhnen inzwischen nicht wenige in der CDU, ihre Partei sei vom Morbus SPD befallen, einer unaufhaltsamen Selbstzerstörung. Weil Merkels unvollendete Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer das Vakuum nicht füllen konnte, das durch den Teilrückzug der Kanzlerin entstanden ist, sind die Protagonisten von früher wieder auf den Plan getreten. Roland Koch, der frühere hessische Ministerpräsident und Merkel-Antipode, wirft der Kanzlerin "Argumentationsenthaltung" und Führungslosigkeit vor. Friedrich Merz, Merkels Erzrivale, nennt das Erscheinungsbild der Regierung "grottenschlecht", unter Merkel habe sich "ein Nebelteppich" über das Land gelegt. Der Außenpolitiker Norbert Röttgen, den Merkel 2012 als Umweltminister entließ, schrieb vergangene Woche einen offenen Brief, in dem er Merz und Koch "extrem schädliches" Verhalten vorwarf und bemängelte, es gebe inhaltlich "keinen einzigen substanziellen Beitrag" – und gab dann diese Woche der New York Times ein Interview, in dem er die Bundesregierung als Totalausfall bezeichnet.

Nur ein Aufstand "älterer Männer", die noch Rechnungen zu begleichen haben, wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther befand? So leicht lässt sich das Ganze nicht abtun. Alte Rechnungen mögen alle der Genannten kennen, aber sie haben auch etwas am Wickel: Seit einem Jahr hat die Republik zwei Präsident(inn)en, einen im Präsidialamt und eine im Kanzleramt. Aber kein Regierungszentrum.

Koch, Merz und Co. nutzen das aus. Zu diesem Co. gehört übrigens auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der vor einem Jahr Friedrich Merz unterstützt hat. Was treibt diese Männer an? Aus ihrer Sicht und der vieler anderer ist der Befreiungsschlag (von einem "neuen Kapitel" sprach Merkel) des vorigen Jahres unvollendet geblieben. Kanzleramt und Parteivorsitz gehören in eine Hand – das hatte Merkel immer gesagt, und so sehen das auch ihre Kritiker.

Für sie und diejenigen in der Partei, die nach zwölf Jahren einfach etwas merkelmüde waren, war schon damals klar, dass nun die Abwicklung der Kanzlerschaft Merkel eingeleitet werden müsse, wie auch die der großen Koalition.

Offiziell ging es damals immer nur um den Parteivorsitz. Merz bemühte sich sogar, den Eindruck zu zerstreuen, er wolle Merkel ans Leder. Im vertraulichen Gespräch hieß es bei seinen Unterstützern damals: "Wir wählen doch keinen neuen Parteimanager, sondern eine Führungsfigur." Und Führung heißt in der CDU eben immer: Kanzlerschaft. So sonnenklar schien Merz, Koch und Co. damals ihre Einschätzung, es habe sich ausregiert, dass sie annahmen, Merkel werde sich selbst abschaffen. Denn schließlich, so sagte es damals einer der Merkelmusswegianer im kleinen Kreis, habe die kluge Merkel doch "am Ende immer das Richtige getan".

Auch die neue Vorsitzende Kramp-Karrenbauer hatte diese Erwartung, jedenfalls prinzipiell. Einen Zeitplan gab es nicht, explizit besprochen wurde der Führungswechsel zwischen der Kanzlerin und ihr auf Kramp-Karrenbauers eigenen Wunsch hin nicht. Aber AKK nahm doch an, dass Merkel das Interesse habe, ihr als Wunsch-Nachfolgerin ins Amt zu verhelfen – und der CDU zur weiteren andauernden Kanzlerschaft.

Bei beidem kann man heute nicht mehr so sicher sein. Merkel lasse der neuen Parteichefin keinen Raum, heißt es bei Kramp-Karrenbauers Unterstützern. Die ultimative Demütigung sei es gewesen, als die Kanzlerin die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Mitte September nicht im selben Flugzeug mit in die USA nehmen wollte.