Klassenlehrer Jonas Kvist mit Drittklässlerinnen der Heibergskolen in Kopenhagen © Lars Just für DIE ZEIT

Kaum ein Land in Europa hat sich und seine Schulen so früh der neuen Technik verschrieben wie Dänemark. Zur ersten Computerschulung mussten Dänemarks Lehrer schon 2001 antreten: 60 Pflichtstunden Word, PowerPoint und Tabellenkalkulation für alle. In Deutschland fließen nach langen Querelen um die Zuständigkeit nun endlich die Milliarden aus dem Digitalpakt. Dänemark startete das erste nationale Investitionsprogramm knapp zwei Jahrzehnte vorher, weitere folgten. Stück für Stück verlegen nun auch deutsche Schulen ihre Klassenbücher, Terminkalender sowie die Stecktafel für die Stundenverteilung der Lehrer ins Internet. In Dänemark läuft die gesamte Organisation und Kommunikation der Schulen – Noten, Fehlzeiten, Hausaufgaben – seit Langem digital.

Fehlende Hardware? Veraltete Technik? Wacklige Netzverbindungen? "Ehrlich gesagt, kennen wir diese Probleme hier kaum noch", sagt Jens Mittag. Und bittet man den Rektor um das aktuellste Digitalkonzept seiner Schule, muss er länger überlegen – und schickt dann ein Papier von 2005. "Wir machen uns keine grundsätzlichen Gedanken mehr über den Einsatz von Computern", sagt Mittag, "sie gehören einfach zum Unterricht dazu."

Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften. Im Kunstunterricht fotografieren die Schüler ihre gemalten Bilder mit dem Handy und diskutieren sie am Smartboard. In Englisch spielen sie Reden von Martin Luther King auf ihren Laptops ab und analysieren Sprachbilder, in Deutsch hören sie, wie Heinrich Böll selbst aus seinen Ansichten eines Clowns liest.

Natürlich lernen sie am Gymnasium in Åbenrå noch mit Büchern. Und im Matheunterricht haben die Kalkulationsprogramme nicht das Rechnen ohne elektronische Hilfe ersetzt. Doch fragt man die Lehrer, wo die digitalen den analogen Medien überlegen sind, fallen stets zwei Stichworte: Anschaulichkeit und Lebensnähe.

Mara Nottelmann unterrichtet in Åbenrå Altertumskunde. Im dänischen Oberstufen-Lehrplan gehört das Fach, das den Schülern die Welt der Antike nahebringt, zum Pflichtstoff. Kürzlich wollte ein Junge spontan wissen, wie der Helm des Odysseus denn nun genau aussah. "Es dauerte keine zwei Minuten, da konnte ich die Frage mit einem Bild beantworten", erzählt Nottelmann. Früher habe sie die Schüler immer auf die nächste Stunde vertrösten müssen. "Doch da war das Interesse oft schon erloschen."

Nicht einmal Mittelmaß

Wie deutsche Schulen bei der Digitalisierung abschneiden.

Quelle: ICILS-Studie © ZEIT-Grafik

Immer wieder streut die Lehrerin in ihren Unterricht kleine Filmsequenzen ein. Oder sie unternimmt einen kurzen digitalen Rundgang durch die Skulpturensammlung des berühmten Thorvaldsen-Museums in Kopenhagen. Und da die historischen Kulissen von Computerspielen immer genauer werden, dürfen die Gamer in der Klasse auch mal das antike Alexandria aus der Spiele-Welt mit den Stadtporträts aus der klassischen Literatur vergleichen. Manchmal aber mache die Technik "es dem Lehrer auch zu leicht", sagt Nottelmann. Der Brand von Rom ist eben bildstärker als eine Rede Ciceros. Mehr Schüler als früher hätten Probleme damit, längere Texte zu lesen. Und natürlich merkt man sich Inhalte besser, wenn man sie von der Tafel abschreibt, als wenn man sie abfotografiert oder einscannt. Aber deshalb auf die Vorteile der Technik verzichten, das will sie keinesfalls. "Wir können doch keinen Unterricht mehr wie vor zwanzig Jahren machen", sagt Nottelmann.

Die digitalen Medien bestimmen die Welt, insbesondere jene der Schüler. Sie sehen anders, kommunizieren anders, lernen anders als die Generationen vor ihnen. Wenn die Schule das ignoriert, wird sie irgendwann bedeutungslos: Das ist seit Langem Konsens in Dänemark.

Der Digitalindex der EU führt das Land auf Platz eins. Die Bürger reichen rund 90 Prozent aller Schreiben bei den Behörden online ein, egal ob es um den Reisepass, die Steuererklärung oder eine Scheidung geht (in Deutschland sind es 43 Prozent). Wer auf Papier besteht, muss in Dänemark einen Grund nennen. Umgekehrt müssen die Behörden Mails innerhalb von 24 Stunden beantworten. Das Vertrauen der Bürger in den Staat ist groß in Dänemark, die Furcht vor Datenmissbrauch minimal. Bei der Geburt erhält jeder Bürger eine Nummer, fast alle Dänen nutzen ihren digitalen Zahlencode ebenso regelmäßig wie den offiziellen E-Mail-Dienst E-Boks. Kaum noch jemand zahlt mit Bargeld.