Ich war ein paar Tage in New York und eigentlich war alles wie immer – Passanten, die sich nicht in die Augen schauen, Touristen, die Selfies machen, wo die Türme des World Trade Center standen, Fitnessmenschen, die sich mit kabellosen Kopfhörern die Wirklichkeit vom Leib halten –, doch vor dem Gehry Tower blieb ich fassungslos stehen: Der Eingang dieses 267 Meter hohen Gebäudes befand sich in einer beschaulichen Gasse, davor hatte man einen Park mit Bänken, Wasserfontänen und Pflanzentrögen angelegt, eine winzige Oase im Zentrum Manhattans. Hier muss ein feinfühliger Mensch am Werk gewesen sein, dachte ich, der den Bewohnern dieses Wolkenkratzers wenigstens die Ahnung von Ruhe und Natur ermöglichen wollte.

Dann entdeckte ich ein Schild, auf dem sämtliche Aktivitäten aufgelistet waren, die in diesem Park verboten waren: grillen, zelten, Karten spielen, Musik machen, rauchen, picknicken, Rad fahren, skateboarden, rollerskaten, Alkohol trinken, Eichhörnchen oder Vögel füttern, mit den Wasserfontänen spielen, Hunde ohne Leine laufen und Kinder unbeaufsichtigt spielen lassen.

Ich spürte, wie mich Traurigkeit überfiel. Ein Platz von Menschen für Menschen, an dem alles verboten war, was eventuell Freude bereiten könnte. Ich setzte mich auf eine Bank und lauschte für ein paar Sekunden dem Plätschern der Wasserfontänen. Außer mir war kein Mensch zu sehen, nicht mal ein Eichhörnchen, dem ich verbotenerweise eine Nuss hinhalten konnte. Niemand saß auf einer Bank, summte eine Melodie oder spazierte über das Grün; dieser Ort war so ausgestorben, als wäre ich der einzige Mensch in der Stadt. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass unsere sogenannte freie, westliche Welt dabei ist, wie dieser Platz vor dem Gehry Tower zu werden: aufgeklärt, aber leblos, hübsch, aber langweilig, sicher, aber kontrolliert wie ein nordkoreanisches Straflager – ein Ort ohne Zauber, aus dem sich jedes Temperament, jede Poesie und Transzendenz verabschiedet haben. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass sich seit Jahren ein Entmenschlichungsprogramm mit algorithmischer Unerbittlichkeit über unsere Leben stülpt, während wir von totaler Information, absoluter Sicherheit und garantiert pünktlichen Paketdiensten träumen.

"Was hast du denn?", sagen meine Freunde. "Es geht uns doch gut." Und sie haben ja recht: Die Wirtschaft, der Bildungsgrad und der Mindestlohn wachsen, die Arbeitslosigkeit sinkt, ebenso die Arbeitszeit und Kriminalität. Aber können Excel-Tabellen die Seelenlage von Menschen erfassen? Oder könnte es sein, dass es in Wahrheit bergab geht, weil die Menschen in einer vollständig aufgeklärten, digitalisierten und berechenbaren Welt reicher und gleichzeitig ärmer, gesünder und gleichzeitig kränker, toleranter und gleichzeitig missgünstiger, sicherer und gleichzeitig ängstlicher, vernetzter und gleichzeitig einsamer werden? Dass sie äußerlich einverstanden, aber innerlich deprimiert, ja frustriert sind? Was ist denn gewonnen, wenn die Glasfasernetze verlegt und Zahnbürsten mit dem Internet verbunden sind, aber keine Verlockung mehr ausgeht von der Welt, wenn die Impulse ausbleiben, die Reize versiegen, die Schönheit schwindet und der Sinn? "Dann sind Sie also frei?", wird Karl, der Held in Franz Kafkas Roman Amerika, gefragt. "'Ja, frei bin ich', sagte Karl, und nichts schien ihm wertloser."

Angst haben wir mittlerweile vor fast allem, von roter Wurst über Deodorants mit Aluminium bis zu Feinstaub, Fahrverboten und Flüchtlingen. Die Ersten haben angefangen, sich einen Panikraum einzurichten – die guten sollen aussehen wie normale Schlafzimmer. Das Aktiendepot, die Kalorientabelle, den Stundenplan der Kinder haben wir im Griff, die Eselsbrücken für unsere Passwörter funktionieren – warum aber diese Verzagtheit, warum die ständige Empörungsbereitschaft im Netz und auf den Straßen? Warum die Panik vor allem, was uneindeutig, leidenschaftlich und temperamentvoll ist, direkt, intensiv, unberechenbar ist und vor allem: jenseits unserer Kontrolle? Wir sind umzingelt von 100-Euro-Joker-Wetten, Save-the-date-Mails und Treuepunkten, von Bäckereiverkäuferinnen mit Latexhandschuhen und Schulkindern, auf deren Pullovern "Racker" steht, während sie von einer Tracking-App überwacht werden – aber unsere Seelen trocknen aus.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass unsere technologischen Errungenschaften vor allem neue Zwänge hervorgebracht haben. Dass aus den Hippie-Träumern des Silicon Valley skrupellose Unternehmer geworden sind, deren KI-Utopien immer nur auf Effizienz und nie auf Schönheit oder Sinn zielen. Dass wir fast nie unsere Bedürfnisse erfüllen, sondern immer nur die eines Marktes, den es ohne uns nicht gäbe. Dass wir Spiritualität mit Wellness, Information mit Bildung, Transparenz mit Ehrlichkeit und Toleranz mit Menschlichkeit verwechseln. Irgendwas kann doch nicht richtig sein, wenn wir tiefes Glück empfinden, sobald wir nach einem 50-Minuten-Flug mit einem Schnalzer das Handy entriegeln. "Für uns beginnt die Ära der langsamen Vereisung, der kontinuierlichen, leichten Anästhesie mit durchgeplantem Freizeitprogramm, vorgeschriebenen Gedanken und zerbröselten Leben", schrieb die französische Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle.

Vor hundert Jahren prägte Max Weber den Begriff der "entzauberten Wirklichkeit". Er meinte damit, dass es keine geheimnisvollen Mächte mehr gebe, dass man vielmehr alles durch Berechnen beherrschen könne. Überzeugt davon, dass diese Entwicklung in Entfremdung, ja in ein Weltverstummen münden würde, setzte er das Wörtchen "Fortschritt" meist in Anführungszeichen. Hundert Jahre später schreibt der Soziologe Hartmut Rosa: "Wenn man alles beherrscht, geht etwas verloren, die Welt spricht und singt nicht dort zum Menschen, wo sie beherrscht wird, sondern wo der Mensch für sie entbrennt." Unsere Utopien aber sind nur noch technischer, nicht mehr sozialer, religiöser, künstlerischer oder menschlicher Natur. Umgeben von Datenströmen hocken wir in klimatisierten Großraumbüros und liebevoll inszenierten Altbauwohnungen und wagen nichts mehr zu denken, das größer ist als wir selbst. Unser Ziel lautet größtmögliche Planbarkeit bei gleichzeitiger Beseitigung sämtlicher Unannehmlichkeiten. Wenn wir Unannehmlichkeiten aber nicht mehr bewältigen, sondern abschaffen, wenn wir uns einbilden, die uneingeschränkte Macht über unsere Geschicke zu haben – wo kämen sie dann her, die beglückenden Umwege, die unverhofften Zufälle, die abrupten Kehrtwendungen, die Momente, in denen ein Wunder, eine Wahrheit, ein tröstender Gott aufscheinen könnte?

Indem wir uns der unerbittlichen Präzision unserer Vorhersage-Apps unterwerfen, erschaffen wir eine Welt im Sagrotan-Modus, einen algorithmisch kuratierten Alltag. Uns auf Erfahrungen einzulassen, von denen wir nicht wissen, wie sie ausgehen, gelingt uns immer seltener. Das Risiko des Zeit- oder Gesichtsverlusts, die Gefahr, dass sich etwas am Ende nicht rechnen, nicht lohnen könnte, ist zu groß. Prägende Erfahrungen lassen sich aber nicht herstellen wie ein E-Bike, sie müssen sich entwickeln oder ereignen: Begehren, Freundschaft, Liebe, Lust, Glauben – die tiefen Regungen der menschlichen Existenz sind unverfügbar. Sie passieren ansatzlos; und wer böse Überraschungen verhindern möchte, verhindert gute immer gleich mit. Im Gegenzug boomen die Angebote, die uns zu kontrollierten Bedingungen Dinge erwerben lassen, die uns garantiert nicht aus der Bahn werfen: Kreuzfahrten, Wellnesswochenenden, Winterstiefel mit kostenlosem Rückversand, Netflix-Serien, Erfahrungen mit angezogener Handbremse, Freizeitaktivitäten für zwangsverwaltete Leben. Die Ranger im Death Valley haben bereits einen Begriff für Menschen, die ihrem Navigationsgerät mehr vertrauen als ihrem Verstand: "Tod durch GPS".