Die Frau, die seit Mittwoch vergangener Woche bereits die kommende Regierende Bürgermeisterin von Berlin, die kommende Ministerpräsidentin von Brandenburg, die nächste SPD-Chefin, die nächste Kanzlerkandidatin und, na klar, auch die nächste Bundeskanzlerin war, sitzt auf dem Sofa ihres Büros in Berlin-Mitte und freut sich, dass das Bild noch an der Wand hängt. Das Bild, das ihr die Künstlerin Heinke Böhnert geschenkt hat. Im Juni war das, anlässlich der Eröffnung der 125. Kieler Woche. Da Regierungsmitglieder Geschenke nicht einfach behalten dürfen, hat Franziska Giffey es gekauft. Um es mitnehmen zu können, falls alles vorbei wäre, falls die FU Berlin ihr den Doktortitel aberkennen und sie dann, wie angekündigt, ihr Amt niederlegen würde. Es sollte sie an ihre Zeit im Familienministerium erinnern, an eine sehr schöne Zeit. Das Bild zeigt eine Segelregatta in voller Fahrt. Das Ziel ist noch nicht in Sicht.

Es kam dann anders. Sie durfte ihren Titel behalten, Ministerin bleiben, das Bild konnte hängen bleiben. Und Franziska Giffey, die Frau, die fast schon Geschichte war, ist jetzt die Zukunft der SPD, ihr Heilsversprechen.

Sie wusste seit wenigen Tagen, so erzählt es Giffey, dass die FU Berlin an jenem Mittwoch ihre Entscheidung verkünden würde, hatte aber keine Ahnung, wie sie ausfiele. Sie saß gerade in einer Planungsrunde mit ihrem Chef für Öffentlichkeitsarbeit, als der Anruf kam. Natürlich habe sie sich da sehr gefreut, sei erleichtert gewesen nach neun Monaten des Wartens. Und natürlich sei es ein tolles Gefühl, wenn sich so viele Menschen mit einem mitfreuten. Politiker, über Parteigrenzen hinweg, die Stadtteilmütter von Neukölln, Vertraute aus ihrer Zeit als Bezirksbürgermeisterin, aber auch Menschen, die sie nie getroffen habe. Wenn so viel Post komme, dass man ganze Ordner dafür anlegen müsse.

Aber in die Freude mischte sich schnell ein anderes Gefühl. Als sie die Kommentare las, als ihr klar wurde, dass sie auf einmal für hohe und höchste Ämter gehandelt wurde. Als sie erkannte, wie die Erwartungen plötzlich ins Übergroße hinein wuchsen. "Was ich bin und was ich kann, wie ich mit Menschen umgehe, wie ich Aufgaben anpacke, das hängt nicht an diesem Titel." Ihr sei völlig klar: "Wäre die Entscheidung anders ausgefallen, hätte ich ganz andere Kommentare über mich, meine Art und meine Fähigkeiten gelesen." Sie meint: vernichtende. Für sie sei diese Erfahrung, wie schnell man in den Medien hochgeschrieben und von den eigenen Parteifreunden hochgejubelt werde, vor allem eins: "eine große Mahnung". Und deshalb – an dieser Stelle lächelt sie – "bleibe ich jetzt mal ganz ruhig".

Wie geht es weiter? Giffey war die Wunschpartnerin mehrerer SPD-Männer im Rennen um den Parteivorsitz. Wenn Giffey antrete, so die interne Einschätzung, bevor es losging, sei es egal, wer ihr Mitläufer sei. Sie werde gewinnen. Und in der Tat: Giffey besitzt, was allen anderen Kandidaten – und der SPD – fehlt: Ausstrahlung, Herzenswärme und, aus ihrer Zeit in Neukölln, reichlich Nahkampferfahrung im Umgang mit der eigenen Kernklientel. Wer sie bei ihren Touren durch das Land begleitet, kann das beobachten: Egal, wo Giffey hinkommt, egal, mit wem sie sich an den Tisch setzt – innerhalb von zehn Sekunden hat sie ein Gespräch am Wickel, bei dem sich alle wohlfühlen. Eine "Königin des Ortstermins" hat die SZ sie mal genannt.

Nicht wenige Sozialdemokraten sind unzufrieden mit den beiden Duos, die nun in der Stichwahl um den Parteivorsitz antreten: Klara Geywitz und Olaf Scholz hier, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans dort. Die Auseinandersetzung, das zeichnet sich ab, konzentriert sich auf die Jungs. Der Finanzminister, der aus der Kälte kam, gegen den Mann, den sie Nowabo nennen – nur weiß das niemand außerhalb der NRW-SPD. Und in ihr auch nicht jeder.

Giffey könnte noch eingreifen in das Rennen, die Mitgliederbefragung ist nicht bindend. Auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember müsste sie nur die Sehnsüchte vieler Genossen erhören und antreten. "Das mache ich garantiert nicht", sagt sie dazu. "Da haben sich Kandidaten in 23 Veranstaltungen der Basis gestellt, haben für sich und ihre Ideen geworben – das kann man doch nicht einfach wegwischen. Jetzt wie Kai aus der Kiste zu kommen wäre allen Kandidaten gegenüber respektlos und auch nicht demokratisch."