Hans Magnus Enzensberger braucht nur zwei Sätze, um anlässlich seines 90. Geburtstags am 11. November seine Unersetzlichkeit unter Beweis zu stellen: "Auch die Apokalyptiker glauben ja an eine einwandfrei absehbare Zukunft, die keinen Zickzackkurs kennt und keine Ungleichzeitigkeit zulässt. Ihr Pessimismus ist ebenso gradlinig und fantasielos wie der Optimismus, der die Fraktion des unaufhaltsamen Fortschritts auszeichnet." Hier hat man den ganzen Enzensberger vor sich, der so elastisch denkt, wie er läuft, diesen fröhlichen Skeptiker und realistischen Utopisten, der seit über sechzig Jahren alle Debattenhysterien der Bonner und Berliner Republik abzukühlen vermag. Willy Brandts Entspannungspolitik fand ihre kongeniale intellektuelle Entsprechung in Enzensbergers Entspannungsmassagen für alle deutschen Denkblockaden.

Gerade ist bei Suhrkamp seine Expertenrevue erschienen, ein heiterer Blick auf den Aberwitz und die Schönheit der Sprache jener, die alles zu wissen meinen. Enzensberger hingegen weiß, dass er nichts weiß, und schaut deshalb auf die Spezies Mensch, auf unsere Versuche, uns notdürftig mit 26 Buchstaben zu verständigen, noch immer mit jener saumselig-neugierigen Mischung eines Kindes des Jahrgangs 1929, er ist also nicht nur genauso alt wie Jürgen Habermas, sondern auch wie die Mickymaus. Er kannte in seinen Büchern und in seinen Zeitschriften Kursbuch und Transatlantik immer nur einen Feind: die Erstarrung, das blockierte Denken. Er hat allen Beherrschungsversuchen die Freiheit entgegengesetzt. Und zwar eine Freiheit ohne Pathos – einfach nur als Bedingung für klares Denken und große Verse. Der Weg ins Freie heißt sein Buch von 1975 – und genau diesen Weg im mutigen Zickzack hat er der Bundesrepublik gewiesen: "wer das licht sehen will / wie es ist / muß zurückweichen / in den schatten".

Seinen Beobachtungsturm hat er früh im Schatten Schwabings errichtet – und sein gelassener Blick auf die Welt ist geprägt vom dortigen Genius Loci um 1900, von dem weisen Witz des Simplicissimus und der übersprudelnden Radikalität der Boheme um Mühsam, Wedekind, Reventlow. Die Vergangenheit ist dabei für ihn immer nur eine voreilige Form von Gegenwart. Wem es – wie ihm – keine Angst macht, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur Versionen, für den ist alles nur eine Frage der Perspektive. Er hat sein Œuvre 1957 mit einer Verteidigung der Wölfe begonnen – weil er nichts so sehr hasst wie klare Verhältnisse. Enzensberger hält deshalb seinen Kopf immer schräg, um uns mitzunehmen auf die Rutschbahn der Gedanken und Gewissheiten, weil es sonst ihm selbst zu langweilig werden würde. Was für ein Glück. Wir gratulieren uns herzlich zu seinem Geburtstag.

Florian Illies, 48, Autor und Rowohlt-Verleger, ist Mitglied im Herausgeberrat der ZEIT.