Frage: Die katholische Schwangerschaftskonfliktberatung Donum Vitae wurde vor genau 20 Jahren gegründet. Als Unterstützer dieser Organisation gerieten Sie ins Zentrum des wohl größten Katholikenstreits vor der Missbrauchsdebatte. Herr Maier, wie blicken Sie auf diese Auseinandersetzung zurück?

Maier: Lassen Sie mich zunächst meine Freude zum Ausdruck bringen, dass es Donum Vitae überhaupt noch gibt. Das Projekt ist ja wirklich nicht nur totgesagt worden, sondern man hat vonseiten bestimmter Kreise in der Kirche alles Mögliche getan, um es zu zerstören. Ich war einem Trommelfeuer von Beschimpfungen ausgesetzt.

Frage: Müsste es Ihnen nicht einen Stich ins Herz versetzen, wenn nach all diesen Kämpfen nun die katholische Bischofskonferenz mit dem Synodalen Weg allerhand Reformen wagt, sie Ihnen aber damals nur Knüppel zwischen die Beine warf?

Maier: An Mut fehlte es nicht. Der war bei der deutschen Amtskirche auch damals schon vorhanden. Fünf Jahre lang haben die 27 deutschen Bischöfe schließlich mit Ausnahme des Bistums Fulda die Schwangerschaftskonfliktberatung unterstützt. Es gab kirchliche Beratungsstellen in den Bistümern, getragen von der Caritas und dem Sozialdienst katholischer Frauen. Aber sie wurden von Johannes Paul II. und seinem Glaubenspräfekten Kardinal Ratzinger ausgebremst und schließlich zum Ausstieg gezwungen. Wenn wir die Frauen nicht im Stich lassen wollten, also ohne katholische Lebenshilfe diese Krise durchzustehen, war es nur folgerichtig, Donum Vitae zu gründen.

Frage: Zu Ihrem Kontrahenten Joseph Ratzinger hatten Sie einst gar kein so schlechtes Verhältnis. Sie publizierten zusammen Bücher, lagen auf einer katholischen Linie ...

Maier: Das ist richtig. Ich hatte ihn 1963 noch als Kollegen kennengelernt und für seine Predigten, seine rednerische Begabung und für die Art seiner Veröffentlichungen bewundert – bis heute gilt das noch. Aber der Funktion des Regenten, ob als Bischof, Kardinal oder Papst, war er nicht gewachsen. Ihm fehlte der Wille und die Kraft, sich durchzusetzen. Deshalb trat er dann auch zurück.

Frage: Wie lief denn der Bruch zwischen Ihnen nun genau ab?

Maier: Da wir ein gutes Verhältnis hatten, schrieb ich ihm am 20. April 1997 einen Brief. Darf ich ihn Ihnen vorlesen?

Frage: Bitte schön!

Maier: "Mit Schrecken höre ich, dass möglicherweise schon in Kürze eine römische Weisung zum Ausstieg aus dem gesetzlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland ergehen soll. Vor einem solchen Schritt kann ich nur mit allem Ernst und mit allem Nachdruck warnen. Ich beschwöre Sie, eine solche Entwicklung nicht einfach geschehen zu lassen oder sie gar zu forcieren, sondern sich ihr in den Weg zu stellen."

Frage: Wie reagierte er?

Maier: Wir trafen uns einige Zeit später bei einem gemeinsamen Auftritt an der Sorbonne. Da sprachen wir noch einmal einen ganzen Abend lang. Aber ich konnte ihn nicht überzeugen.

Frage: Womit wollten Sie ihn denn überzeugen?

Maier: Ich sagte ihm, dass mich seine inkonsequente Haltung verstöre. Die katholische Kirche hat schließlich stets mit Nachdruck den Schwangerschaftsabbruch abgelehnt. Aber in fast allen Ländern der Welt gab es damals schon die Fristenlösung, wonach Kinder in den ersten drei Monaten nach der Empfängnis abgetrieben werden können. Nur in Deutschland haben Bundesverfassungsgericht und Bundestag dieser Fristenlösung eine Hürde vorangestellt, die Vorschrift einer pflichtmäßigen Schwangerschaftskonfliktberatung. Ich hatte also Kardinal Ratzinger die Frage gestellt, warum sich die ganze Kritik Roms ausgerechnet gegen Deutschland richtet, das der Fristenlösung doch als einziges Land noch einen Riegel vorgeschoben hatte? Es kann doch nicht sein, warf ich ihm vor, dass er sich bei der bedingungslosen Fristenlösung in katholischen Kernländern still verhält und hier den Versuch, Leben zu erhalten, torpediert. Und wissen Sie, was seine Antwort war? "In diese Länder sind wir nicht involviert." Gemeint war, da gibt es keine kirchlichen Beratungsstellen. Darüber war ich sehr empört und sagte zu ihm: "Das ist die Antwort des Pontius Pilatus."