Frage: ... der sich beim Kreuzigungsprozess Christi mit dem Satz "Ich wasche meine Hände in Unschuld" moralisch sauber aus der Affäre ziehen wollte.

Maier: Das traf ihn empfindlich, er war darüber sehr aufgebracht. Seither ist unser Verhältnis gestört, seit zwei Jahren verkehren wir aber wenigstens wieder schriftlich miteinander.

Frage: Der Angriff auf Donum Vitae kam für Sie 2004 ziemlich überraschend. Fünf Jahre lang wurde die Beratung erfolgreich praktiziert ohne Klagen. Wie erklären Sie sich das?

Maier: Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem in der katholischen Kirche: Wer mit den Bischöfen oder der Arbeit von Kirchenmitarbeitern zufrieden ist, der wendet sich nicht an Rom. Nur die, die etwas kritisieren wollen an der Kirchenpraxis in ihrem Land, schreiben Klagebriefe an den Vatikan. Das geschieht oft hinterrücks, ohne dass die Betreffenden, über die Beschwerde geführt wird, irgendetwas davon erfahren.

Frage: Wer schreibt, der bleibt. Das heißt, der Vatikan hat mitunter ein vollkommen defizitäres Bild von den deutschen Bischöfen und ihrem Handeln?

Maier: Es bündeln sich im Vatikan immer nur die Stimmen der innerkirchlichen Opposition gegen die Reformer – das verzerrt die Perspektiven: eine Minderheitenmeinung bekommt dadurch ein viel zu großes Gewicht.

Frage: Wie lässt sich dieses Missverhältnis denn Ihrer Meinung nach auflösen?

Maier: Es müsste genauso ablaufen wie in einem gesunden Föderalismus: Wenn in Rom Petitionen eintreffen, sollten sie zunächst wieder zurück an die zuständigen Ortsbischöfe verwiesen werden. Sie haben das Recht auf ein erstes Urteil. Papst Pius der XII. hat das noch so gehandhabt. Er schrieb Bischöfen, die sich nach Rom wandten, oftmals: "Non datur. Episcopi est." – Keine Weisung. Das ist Sache des Bischofs. Darin war er demokratischer als manche seiner Nachfolger.

Frage: Wie wurde es geschafft, dass es Donum Vitae als Verein trotzdem noch gibt? Liegt das an Papst Franziskus?

Maier: Das mag ein Faktor sein. Der Wind hat sich gedreht. Es wirkt auf mich fast wie ein Wunder: Nach langer Zeit, im Januar 2018, gab es wieder eine Ehrenerklärung vonseiten der deutschen Bischöfe, ein Schreiben an das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in dem die Arbeit des Vereins ausdrücklich gewürdigt wurde. Uns wurde bescheinigt, der Verein setze sich für den Schutz des Lebens ein und erziele Erfolge in der Konfliktberatung. Vorher hörten wir das von Bischöfen nur hinter vorgehaltener Hand. "Ich stelle fest", heißt es nun wieder im Wortlaut, "dass es über Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen beziehungsweise Eltern Mut zu machen für ein Leben mit Kind und dafür bestmögliche Hilfestellung zu bieten. Dafür dürfen wir dankbar sein."

Frage: Das müsste doch eine Genugtuung für Sie sein?

Maier: Ach, die brauche ich gar nicht. Ich spüre eher Erleichterung über diesen ganz neuen Ton, der Donum Vitae nicht mehr Beihilfe zur Tötung ungeborener Kinder unterstellt.

Frage: Diese Rehabilitierung hatte praktische Folgen. Kirchlichen Mitarbeitern in leitender Stellung war nun wieder erlaubt, im Verein aktiv zu werden.

Maier: Das ist ein großer Erfolg. Personen, die vorher in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle arbeiteten, konnten nach der Intervention Roms nicht mehr in bischöflich anerkannten Schwangerschaftsberatungsstellen beschäftigt werden. Jetzt dürfen sie wieder mitarbeiten.