Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage "Nur Mut: Vom Reden und Schweigen über das Leben mit Krebs"

Tag für Tag ermutigt Martin Teufel Krebspatienten und deren Angehörige, ihre Sorgen und Nöte offen anzusprechen. Trotzdem hat der Essener Psychoonkologe großes Verständnis dafür, wenn Menschen lieber schweigen wollen. Denn er sieht viele Möglichkeiten, ein Tumorleiden zu verarbeiten.

ZEIT Doctor: Schätzungen zufolge wird fast jeder zweite Deutsche in seinem Leben einmal an einem Tumor erkranken. Trotzdem fällt es viel schwerer, über Krebs zu reden als etwa über Herzleiden. Warum?

Martin Teufel: Weil es ungeheure Angst macht. Aus Umfragen wissen wir, dass Menschen kaum etwas mehr fürchten, als an Krebs zu erkranken. Die Krankheit steht noch immer in dem Ruf, absolut lebensbedrohlich zu sein. Eine Krebsdiagnose scheint vom Himmel zu fallen, und es kann jeden treffen – ob er nun gesund gelebt hat oder nicht. Bei einem Herzinfarkt hingegen kann man sich eher zusammenreimen, was ihn begünstigt hat, etwa wenn jemand jahrzehntelang Kette geraucht hat.

ZEIT Doctor: Die Heilungs- und Überlebensraten sind heute bei vielen Krebsarten deutlich besser. Könnte das nicht etwas beruhigen?

Teufel: Wir alle haben eine tief in unser Gehirn eingeschriebene Vorstellung davon, was Krebs bedeutet. Forscher nennen das ein Engramm. Dieses innere Engramm speist sich aus allem, was wir je über die Krankheit erfahren haben, etwa von unseren Eltern, als wir noch Kinder waren, und natürlich aus eigenen Erfahrungen. Tragische Fälle aus dem Bekanntenkreis oder der Familie prägen sich dabei eher ein als glimpflich verlaufende. Solche starken Eindrücke sind schwer zu überschreiben. Dazu kommt, dass in unserer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen an Krebs versterben, das verstärkt das Bedrohungsgefühl noch weiter.

ZEIT Doctor: Das Thema wird also tabuisiert, weil Krebs nach wie vor stark mit dem Tod assoziiert ist.

Teufel: Richtig. Allein das Wort "Krebs" schlägt voll in die Angstkerbe. In einem Diagnosegespräch führt das oft dazu, dass die Aufmerksamkeit eines Patienten nach 20 bis 30 Sekunden radikal nachlässt. Die Angst überstrahlt alles andere. Das ist eine ganz natürliche Reaktion.

ZEIT Doctor: Würde es helfen, wenn mehr Krebsüberlebende öffentlich über ihre Heilung sprächen?

Teufel: Das mag sein, aber ich finde es mehr als verständlich, wenn sie es nicht tun wollen. Mit einer Krebserkrankung geht ja oft das Gefühl eines Kontrollverlusts einher: Man begibt sich in fremde Hände, verliert das Vertrauen in den eigenen Körper. Viele Krebsüberlebende müssen sich diese Kontrolle später zurückerobern. Und in dem Moment, in dem sie über ihre Krankheit sprechen, kann das alte Ohnmachtsgefühl wieder aufsteigen. Selbst wenn sie schon seit fünf Jahren ohne Rezidiv leben, fällt es vielen schwer zu sagen: "Ich bin geheilt" – denn da ist die Sorge, doch noch einen Rückfall zu erleiden. Sie sagen dann lieber gar nichts, damit die Gefühle nicht erneut hochkommen.

ZEIT Doctor: Wäre es nicht besser, über seine Ängste zu sprechen?

Teufel: Wenn einen die Ängste ständig beschäftigen und immer größer werden, kann es sehr erleichtern, darüber zu reden. Aber was häufig übersehen wird: Es gibt auch andere Wege, eine Krise zu meistern. Etwa mit Verdrängung. Wir alle verdrängen ständig Belastendes, auf diese Weise bleiben wir alltagsfähig.

ZEIT Doctor: Wie viel Verdrängung ist gesund?

Teufel: Solange sie nicht in Verleugnung mündet, spricht nichts dagegen. In meiner Zunft gibt es einige Kollegen, die sagen, jeder Krebspatient brauche psychoonkologische Begleitung. Da möchte ich gerne widersprechen. Stellen Sie sich mal einen älteren Herrn vor, zum Beispiel einen wortkargen Hobbyjäger, der gerne schon um vier Uhr morgens auf seinem Hochsitz hockt, um den Nebel über die Felder wabern zu sehen. Diesem Mann wird es nach einer Krebsdiagnose vermutlich mehr helfen, sich auf seinen Hochsitz zurückzuziehen, als zu einem Psychologen zu gehen. Die meisten Betroffenen haben ganz persönliche Kraftquellen, die ihnen schon in früheren Krisen geholfen haben. Wir dürfen den Menschen etwas zutrauen!

ZEIT Doctor: Palliativmediziner beklagen oft, dass Ärzte und Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung zu wenig über das Lebensende sprechen und dadurch vielleicht die Chance verpassen, ihre Sterbephase selbst zu gestalten.

Teufel: Es mag Fälle geben, bei denen Verdrängung zu Problemen führt, etwa weil bestimmte Vorkehrungen nicht getroffen werden. Aber nach meiner Erfahrung haben die meisten Patienten ein gutes Gespür dafür, wann es Zeit ist, über das Ende zu sprechen. Wenn jemand noch Hoffnung hat, dann sollte man sie ihm nicht nehmen. Als Ärzte wollen und müssen wir über alle Eventualitäten aufklären. Wir wollen den aufgeklärten Patienten! Aber dieser hat eben auch das Recht zu sagen: Danke, mehr möchte ich nicht wissen. Zu viel zu sprechen kann psychisch destabilisieren. Worte haben manchmal stärkere Nebenwirkungen als viele Medikamente.

ZEIT Doctor: Haben Sie ein Beispiel?

Teufel: Wenn man jemandem suggeriert, es gehe zu Ende, und dann lebt er noch drei Jahre, dann hat er womöglich dauernd dieses Lebensendgefühl. Das ist mehr als eine Nebenwirkung.