Unfrei frei – Seite 1

Das öffentliche Leben wird von erstaunlichen Widersprüchen durchzogen. Nie war es leichter, seine Stimme zu erheben, ja, erstmals in der Menschheitsgeschichte haben potenziell alle ein Podium und können kundtun, was immer ihnen auf der Seele brennt. Je offener sich aber die Öffentlichkeit gestaltet, desto verschlossener scheint sie zu sein, weshalb in Umfragen die große Mehrheit der Leute beklagt, sie fühlte sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Eine naheliegende Erklärung für dieses Paradox: Die offene Öffentlichkeit, von digitalen Techniken vorangetrieben, verändert das, was man das Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst nennt. Wenn alle eine Stimme haben und idealerweise alle mit allen im Austausch sind, ist es nur logisch, dass jede geäußerte Meinung zuverlässig auf eine starke Gegenmeinung prallt. Vermutlich ließe sich das sogar ertragen, wären diese Konflikte nicht von einer tiefen Enttäuschung grundiert.

Je öfter nämlich behauptet wird, in der Digitalmoderne könnten sich die Einzelnen gleichermaßen Gehör verschaffen und mediale Vermittlung sei eigentlich überflüssig, weil ja nun jedes Ich zum Sender werde, desto absehbarer wachsen Unbehagen und Unmut. Denn niemals lässt sich der formulierte Anspruch verwirklichen: Der Gleichheit folgt keine Gerechtigkeit. Eine solche Gerechtigkeit würde ja bedeuten, dass sämtliche Stimmen dasselbe Echo finden. Das aber kann keine Öffentlichkeit gewährleisten, die nicht im Stimmengewirr versinken will. Eine Gesellschaft, soll sie funktionieren, muss gewichten, muss zwischen Mehrheits- und Minderheitsansichten unterscheiden, muss Kompromisse schließen, kann also nicht allen Wahrheiten gleichermaßen gerecht werden. Die Enttäuschung ist programmiert.

Doch warum nimmt die Enttäuschung immer abstrusere Züge an? Weshalb entgleitet der Diskurs? Wieso behaupten nun manche, die demokratische Öffentlichkeit sei unterdrückerisch, ja eine Diktatur?

Erklären lässt sich die große Wut auf vielfache Weise. Soziale, ökonomische, historische Motive lassen sich anführen, vor allem aber gründet die Wut in einer grundsätzlichen Skepsis: Das alte schöne Ideal der Freiheit hat Risse bekommen und ist in den Augen mancher nun derart fragwürdig, dass sie offen mit einer illiberalen Demokratie liebäugeln.

In gewisser Weise erinnert die Entwicklung an die paradoxen Versprechen einer bekannten Diätmittelfirma: Du darfst. Der dazugehörige Slogan lautet: "Ich will so bleiben, wie ich bin." Doch darf ich das natürlich nur, solange ich mein Leben ändere, ich mich also viel bewege, vor allem aber immerzu die entsprechende Margarine und ähnliche Diätprodukte esse. Du darfst heißt eigentlich: Du musst. Ich darf so bleiben, wie ich bin, wenn ich nicht so bleibe, wie ich bin.

Dieses Freiheitsparadox durchzieht die Gegenwart. Da ist einerseits das großartige "Du darfst" der digitalen Technik, die es mehr Menschen denn je erlaubt, sich mit aller Welt auszutauschen und im Netz ihre Interessen, ihren Lebensstil, ihre Identität auf vielfältige Weise zu gestalten. Zugleich wird diese Freiheit von vielen – gerade von jüngeren Menschen – als Zwang zur Singularisierung empfunden, eben als unfreie Freiheit.

Viele wollen, viele können sich dem Netz nicht entziehen, schon weil die eigenen Freunde alle dabei sind und man sich andernfalls von der Welt abgeschnitten fühlte. Wer kein einsames Leben führen will, braucht die sozialen Medien. Und so ist der öffentliche Mensch von heute zwingend ein medialisierter Mensch.

Die Folgen dieser Selbstmedialisierung sind kaum zu unterschätzen, sie verändert die Grundidee dessen, was gesellschaftliches Leben erst ermöglicht: die Idee der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit wird durch das Internet nicht nur machtvoll erweitert, sie wandelt auch ihren Charakter auf fundamentale Weise. Und es ist diese Verwandlung, die viele Menschen beunruhigt: Sie spüren den Reiz der neuen Offenheit und erfahren sie zugleich als Kontrollverlust. Das neue Epochengefühl heißt nicht zufällig Enteignung.

Der medialisierte Mensch gehört sich nicht mehr

Man muss sich vor Augen halten, dass der digital geprägten Öffentlichkeit eine kategoriale, für die Demokratie wesentliche Unterscheidung abhandenkommt: Es fällt die Grenze zwischen der privaten und der nicht privaten Sphäre.

Wer kein Fortschrittsfeind sein will, ist dringend aufgefordert, sich selbst im Netz zu veröffentlichen: als unverwechselbares Ich, das im Zweifel auch jene Privatheiten preisgibt, die in vordigitalen Zeiten allein dem Familien- und Freundeskreis vorbehalten waren. Je stärker aber das Persönliche den öffentlichen Raum durchzieht, ja, ihn geradezu privatisiert, desto häufiger werden auch politische Konflikte überaus persönlich genommen.

In der vordigitalen Zeit konnten die Einzelnen in vielen Streitfällen als Staatsbürger auftreten, geschützt von der klar umrissenen Rolle. Jetzt schwindet dieser Schutz. Jetzt soll ein jeder mit sich selbst identisch sein – und ist entsprechend verletzlich.

Erschwerend kommt hinzu, dass es der medialisierte Mensch nicht nur mit jenen zu tun bekommt, die ihm in seiner dörflichen oder städtischen Öffentlichkeit begegnen. Vielmehr trifft er auf eine unüberschaubar große, potenziell globale Öffentlichkeit. Dort wird er allansichtig, was manche als erhebend empfinden, andere als Entblößung. Man ist den Blicken der anderen ausgesetzt und ausgeliefert, ohne den Blick erwidern zu können, denn wer gerade Zugriff auf das medialisierte Ich hat, ist nur schwerlich zu erkennen und zu kontrollieren. Das unterscheidet die digitale von der nicht digitalen Öffentlichkeit: Ihr fehlt das direkte, körperliche Gegenüber.

Ein weiteres Paradox also: Die einzelnen Subjekte werden greifbarer, weil sie ihr Ich veröffentlichen. Ungreifbarer wird hingegen die Öffentlichkeit, in der sich die entblößten Subjekte darbieten. Die Sichtbarkeit nimmt zu, die Unsichtbarkeit ebenso.

Von kontrollierenden Mächten geprägt

Gewiss gibt es Menschen, die stark genug sind, all das Unwägbare als Freiheitsgewinn zu verbuchen. Die Mehrzahl jedoch lebt in einem Gefühl der totalen Verfügbarkeit, was einerseits schön ist, weil nun den Einzelnen dank Wikipedia, Netflix, Amazon oder Google das große Weltwissen, die große Weltkunst ständig zur Hand sind. Andererseits werden die Individuen ihrerseits verfügbar oder stehen zumindest unter diesem Eindruck. Ähnlich wie bei Serien oder Musik, die der Einzelne nicht mehr besitzt, weil alle sie streamen, wird auch die individuelle Existenz liquide: Der medialisierte Mensch gehört sich nicht mehr, er verliert die Kontrolle.

Mit der Selbstmedialisierung geht fast zwingend eine Ökonomisierung des Selbst einher. Die digitale Öffentlichkeit ist ja nicht gratis, wie manche glauben. Sie wird bezahlt mit dem, was die Einzelnen von sich hergeben, mal mehr, mal weniger freiwillig. Das im Netz dargebotene Ich wird zum wertvollen Gut. Und selbst jene, die ihr privates Leben gegen fremde Zugriffe wappnen, wissen zugleich, dass sie wie in einem Haus ohne Haustür leben. Spätestens seit den NSA-Skandalen ist bekannt, dass Datenspuren permanent gespeichert und kommerziell ausgewertet werden. Zudem hört man regelmäßig von globalen Digitalkonzernen, dass Passwörter, E-Mail-Daten und sonstige doch eigentlich geschützte Privatheiten in die Hände Dritter geraten seien. Was dort damit geschieht, ist so nebelig wie die Cloud, die zum Sinnbild der neuen Epoche geworden ist.

Mögen Einzelne über Kontrollverlust klagen, ist die digitale Öffentlichkeit doch von kontrollierenden Mächten geprägt. Es ist eine unsichtbare Herrschaft, von der alle wissen, ohne sie recht zu kennen. Daher ist es kein Wunder, dass viele Menschen verunsichert reagieren und unter dem Eindruck leben, ihre Souveränität, von der es heißt, sie sei größer denn je, komme ihnen abhanden oder sei nur scheinhaft.

In jedem Fall erwächst aus der Verunsicherung das Bedürfnis, den erfahrenen Kontrollverlust zu kompensieren: durch eine neue Klarheit der Verhältnisse, kulturelle Rückversicherung und eine Überbetonung der Identität. Deshalb die mangelnde Ambiguitätstoleranz, deshalb der dringende Wunsch, die eigene Souveränität mit allen Mitteln zu verteidigen, und sei es mit Hate-Speech oder gewaltsamen Übergriffen.

Je paradoxer die Freiheit wird, weil vielen die Welt entfesselter und zugleich beschränkter denn je erscheint, desto aussichtsloser kommt es den Einzelnen vor, ihre Meinung mit Argumenten zu verteidigen. Die Enteignungserfahrung – als Verlust der Souveränität – bestärkt vor allem den Wunsch, das Eigene zu sichern und diese Eigenheit, die Identität, besonders herauszustreichen. Deshalb übernehmen Affekte die Herrschaft. Die sogenannten unguten Gefühle werden zum Argumentationsersatz, um die eigene Weltsicht zu beglaubigen. Und weil man Gefühle nicht bestreiten, sie niemandem abstreiten kann, sind die Kämpfe um Meinungsfreiheit immer auch Kämpfe um das eigene, unenteignete Ich und meist ebenso emotionsgeladen wie unerquicklich.

Für die Demokratie, die ohne einen von Zutrauen geprägten Diskurs kaum vorstellbar ist, sind das nicht gerade gute Nachrichten. Wenn die Einzelnen sich nicht mehr souverän fühlen, verliert auch das Volk als oberster Souverän an Bedeutung. Und der Weg ist frei für den Illiberalismus.