Man muss sich vor Augen halten, dass der digital geprägten Öffentlichkeit eine kategoriale, für die Demokratie wesentliche Unterscheidung abhandenkommt: Es fällt die Grenze zwischen der privaten und der nicht privaten Sphäre.

Wer kein Fortschrittsfeind sein will, ist dringend aufgefordert, sich selbst im Netz zu veröffentlichen: als unverwechselbares Ich, das im Zweifel auch jene Privatheiten preisgibt, die in vordigitalen Zeiten allein dem Familien- und Freundeskreis vorbehalten waren. Je stärker aber das Persönliche den öffentlichen Raum durchzieht, ja, ihn geradezu privatisiert, desto häufiger werden auch politische Konflikte überaus persönlich genommen.

In der vordigitalen Zeit konnten die Einzelnen in vielen Streitfällen als Staatsbürger auftreten, geschützt von der klar umrissenen Rolle. Jetzt schwindet dieser Schutz. Jetzt soll ein jeder mit sich selbst identisch sein – und ist entsprechend verletzlich.

Erschwerend kommt hinzu, dass es der medialisierte Mensch nicht nur mit jenen zu tun bekommt, die ihm in seiner dörflichen oder städtischen Öffentlichkeit begegnen. Vielmehr trifft er auf eine unüberschaubar große, potenziell globale Öffentlichkeit. Dort wird er allansichtig, was manche als erhebend empfinden, andere als Entblößung. Man ist den Blicken der anderen ausgesetzt und ausgeliefert, ohne den Blick erwidern zu können, denn wer gerade Zugriff auf das medialisierte Ich hat, ist nur schwerlich zu erkennen und zu kontrollieren. Das unterscheidet die digitale von der nicht digitalen Öffentlichkeit: Ihr fehlt das direkte, körperliche Gegenüber.

Ein weiteres Paradox also: Die einzelnen Subjekte werden greifbarer, weil sie ihr Ich veröffentlichen. Ungreifbarer wird hingegen die Öffentlichkeit, in der sich die entblößten Subjekte darbieten. Die Sichtbarkeit nimmt zu, die Unsichtbarkeit ebenso.

Von kontrollierenden Mächten geprägt

Gewiss gibt es Menschen, die stark genug sind, all das Unwägbare als Freiheitsgewinn zu verbuchen. Die Mehrzahl jedoch lebt in einem Gefühl der totalen Verfügbarkeit, was einerseits schön ist, weil nun den Einzelnen dank Wikipedia, Netflix, Amazon oder Google das große Weltwissen, die große Weltkunst ständig zur Hand sind. Andererseits werden die Individuen ihrerseits verfügbar oder stehen zumindest unter diesem Eindruck. Ähnlich wie bei Serien oder Musik, die der Einzelne nicht mehr besitzt, weil alle sie streamen, wird auch die individuelle Existenz liquide: Der medialisierte Mensch gehört sich nicht mehr, er verliert die Kontrolle.

Mit der Selbstmedialisierung geht fast zwingend eine Ökonomisierung des Selbst einher. Die digitale Öffentlichkeit ist ja nicht gratis, wie manche glauben. Sie wird bezahlt mit dem, was die Einzelnen von sich hergeben, mal mehr, mal weniger freiwillig. Das im Netz dargebotene Ich wird zum wertvollen Gut. Und selbst jene, die ihr privates Leben gegen fremde Zugriffe wappnen, wissen zugleich, dass sie wie in einem Haus ohne Haustür leben. Spätestens seit den NSA-Skandalen ist bekannt, dass Datenspuren permanent gespeichert und kommerziell ausgewertet werden. Zudem hört man regelmäßig von globalen Digitalkonzernen, dass Passwörter, E-Mail-Daten und sonstige doch eigentlich geschützte Privatheiten in die Hände Dritter geraten seien. Was dort damit geschieht, ist so nebelig wie die Cloud, die zum Sinnbild der neuen Epoche geworden ist.

Mögen Einzelne über Kontrollverlust klagen, ist die digitale Öffentlichkeit doch von kontrollierenden Mächten geprägt. Es ist eine unsichtbare Herrschaft, von der alle wissen, ohne sie recht zu kennen. Daher ist es kein Wunder, dass viele Menschen verunsichert reagieren und unter dem Eindruck leben, ihre Souveränität, von der es heißt, sie sei größer denn je, komme ihnen abhanden oder sei nur scheinhaft.

In jedem Fall erwächst aus der Verunsicherung das Bedürfnis, den erfahrenen Kontrollverlust zu kompensieren: durch eine neue Klarheit der Verhältnisse, kulturelle Rückversicherung und eine Überbetonung der Identität. Deshalb die mangelnde Ambiguitätstoleranz, deshalb der dringende Wunsch, die eigene Souveränität mit allen Mitteln zu verteidigen, und sei es mit Hate-Speech oder gewaltsamen Übergriffen.

Je paradoxer die Freiheit wird, weil vielen die Welt entfesselter und zugleich beschränkter denn je erscheint, desto aussichtsloser kommt es den Einzelnen vor, ihre Meinung mit Argumenten zu verteidigen. Die Enteignungserfahrung – als Verlust der Souveränität – bestärkt vor allem den Wunsch, das Eigene zu sichern und diese Eigenheit, die Identität, besonders herauszustreichen. Deshalb übernehmen Affekte die Herrschaft. Die sogenannten unguten Gefühle werden zum Argumentationsersatz, um die eigene Weltsicht zu beglaubigen. Und weil man Gefühle nicht bestreiten, sie niemandem abstreiten kann, sind die Kämpfe um Meinungsfreiheit immer auch Kämpfe um das eigene, unenteignete Ich und meist ebenso emotionsgeladen wie unerquicklich.

Für die Demokratie, die ohne einen von Zutrauen geprägten Diskurs kaum vorstellbar ist, sind das nicht gerade gute Nachrichten. Wenn die Einzelnen sich nicht mehr souverän fühlen, verliert auch das Volk als oberster Souverän an Bedeutung. Und der Weg ist frei für den Illiberalismus.