Das öffentliche Leben wird von erstaunlichen Widersprüchen durchzogen. Nie war es leichter, seine Stimme zu erheben, ja, erstmals in der Menschheitsgeschichte haben potenziell alle ein Podium und können kundtun, was immer ihnen auf der Seele brennt. Je offener sich aber die Öffentlichkeit gestaltet, desto verschlossener scheint sie zu sein, weshalb in Umfragen die große Mehrheit der Leute beklagt, sie fühlte sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Eine naheliegende Erklärung für dieses Paradox: Die offene Öffentlichkeit, von digitalen Techniken vorangetrieben, verändert das, was man das Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst nennt. Wenn alle eine Stimme haben und idealerweise alle mit allen im Austausch sind, ist es nur logisch, dass jede geäußerte Meinung zuverlässig auf eine starke Gegenmeinung prallt. Vermutlich ließe sich das sogar ertragen, wären diese Konflikte nicht von einer tiefen Enttäuschung grundiert.

Je öfter nämlich behauptet wird, in der Digitalmoderne könnten sich die Einzelnen gleichermaßen Gehör verschaffen und mediale Vermittlung sei eigentlich überflüssig, weil ja nun jedes Ich zum Sender werde, desto absehbarer wachsen Unbehagen und Unmut. Denn niemals lässt sich der formulierte Anspruch verwirklichen: Der Gleichheit folgt keine Gerechtigkeit. Eine solche Gerechtigkeit würde ja bedeuten, dass sämtliche Stimmen dasselbe Echo finden. Das aber kann keine Öffentlichkeit gewährleisten, die nicht im Stimmengewirr versinken will. Eine Gesellschaft, soll sie funktionieren, muss gewichten, muss zwischen Mehrheits- und Minderheitsansichten unterscheiden, muss Kompromisse schließen, kann also nicht allen Wahrheiten gleichermaßen gerecht werden. Die Enttäuschung ist programmiert.

Doch warum nimmt die Enttäuschung immer abstrusere Züge an? Weshalb entgleitet der Diskurs? Wieso behaupten nun manche, die demokratische Öffentlichkeit sei unterdrückerisch, ja eine Diktatur?

Erklären lässt sich die große Wut auf vielfache Weise. Soziale, ökonomische, historische Motive lassen sich anführen, vor allem aber gründet die Wut in einer grundsätzlichen Skepsis: Das alte schöne Ideal der Freiheit hat Risse bekommen und ist in den Augen mancher nun derart fragwürdig, dass sie offen mit einer illiberalen Demokratie liebäugeln.

In gewisser Weise erinnert die Entwicklung an die paradoxen Versprechen einer bekannten Diätmittelfirma: Du darfst. Der dazugehörige Slogan lautet: "Ich will so bleiben, wie ich bin." Doch darf ich das natürlich nur, solange ich mein Leben ändere, ich mich also viel bewege, vor allem aber immerzu die entsprechende Margarine und ähnliche Diätprodukte esse. Du darfst heißt eigentlich: Du musst. Ich darf so bleiben, wie ich bin, wenn ich nicht so bleibe, wie ich bin.

Dieses Freiheitsparadox durchzieht die Gegenwart. Da ist einerseits das großartige "Du darfst" der digitalen Technik, die es mehr Menschen denn je erlaubt, sich mit aller Welt auszutauschen und im Netz ihre Interessen, ihren Lebensstil, ihre Identität auf vielfältige Weise zu gestalten. Zugleich wird diese Freiheit von vielen – gerade von jüngeren Menschen – als Zwang zur Singularisierung empfunden, eben als unfreie Freiheit.

Viele wollen, viele können sich dem Netz nicht entziehen, schon weil die eigenen Freunde alle dabei sind und man sich andernfalls von der Welt abgeschnitten fühlte. Wer kein einsames Leben führen will, braucht die sozialen Medien. Und so ist der öffentliche Mensch von heute zwingend ein medialisierter Mensch.

Die Folgen dieser Selbstmedialisierung sind kaum zu unterschätzen, sie verändert die Grundidee dessen, was gesellschaftliches Leben erst ermöglicht: die Idee der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit wird durch das Internet nicht nur machtvoll erweitert, sie wandelt auch ihren Charakter auf fundamentale Weise. Und es ist diese Verwandlung, die viele Menschen beunruhigt: Sie spüren den Reiz der neuen Offenheit und erfahren sie zugleich als Kontrollverlust. Das neue Epochengefühl heißt nicht zufällig Enteignung.