Eine Thorarolle, die unwiederbringlich beschädigt ist, wird nach jüdischem Brauch feierlich beerdigt, fast wie ein Mensch, wie etwas, das lebendig war und Leben spendete. Die gut 500 Thorarollen, die polnische Soldaten im Frühjahr 1945 auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee entdeckten, haben die Jahre der Nazi-Diktatur daher nicht einfach überstanden: Sie haben überlebt, gerettet von Berliner Juden.

Die Nachricht verbreitete sich schnell. Auch die Philosophin Hannah Arendt und der Historiker Gershom Scholem hörten von dem Fund. Im Auftrag der 1947 gegründeten Treuhandgesellschaft Jewish Cultural Reconstruction, Inc. reisten sie durch Deutschland und suchten nach Spuren des vernichteten jüdischen Lebens. Nun, rund 70 Jahre später, hat sich die Kulturwissenschaftlerin Anna Georgiev vom Europäischen Kolleg Jena bemüht, den Weg der Schriftrollen im Detail zu rekonstruieren – in einem Aufsatz für die aktuelle Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Es ist eine Geschichte vom Mut zur Selbstbehauptung. Und eine Geschichte, die vor Augen führt, dass der Holocaust nicht nur ein Akt der Vernichtung, sondern zugleich auch ein Raubzug war.

Am 9. November 1938 erreicht die antisemitische Gewalt einen ersten Höhepunkt. Sie richtet sich gegen arglose Bürgerinnen und Bürger, Synagogen und Geschäfte stehen in Flammen. Hunderte, Tausende, womöglich Zehntausende Thorarollen werden konfisziert und zerstört. Die heilige Schrift der Juden – die ersten fünf Bücher Mose –, überall wird sie, wie Anna Georgiev schreibt, "zerrissen, mit Füßen getreten, verbrannt".

Die 500 Rollen, die den Krieg in Berlin überleben werden, entgehen diesem Schicksal. Kurz darauf aber geraten auch sie in die Hände des nationalsozialistischen Herrschaftsapparats: Von 1939 an sind sämtliche jüdischen Deutschen in der sogenannten Reichsvereinigung der Juden zwangsversammelt, unter Kontrolle des Reichssicherheitshauptamtes, der Terrorzentrale des NS-Regimes.

Die zuständigen Stellen ziehen in der Folge nicht nur das Eigentum der Deportierten ein, sondern oft auch liturgische Gegenstände. Die bringen Geld, vor allem wenn sie aus Edelmetallen gefertigt sind, dienen aber auch "wissenschaftlichen" Zwecken, an Universitäten oder im "Frankfurter Institut zur Erforschung der Judenfrage". Geplant ist wohl auch ein antisemitisches Museum in Berlin. Für die in Massen beschlagnahmten Thorarollen allerdings findet sich bald kaum noch Verwendung. Sie lassen sich, wie Georgiev sarkastisch anmerkt, nicht ohne Weiteres "arisieren". So landet, was weder ideologisch auszubeuten ist noch materiellen Gewinn abwirft, in Papier- und Lederbetrieben. Mitunter werden sogar Armeestiefel mit Thora-Pergament ausgebessert.

Im Sommer 1943, als die Rettung der Thorarollen beginnt, befindet sich das jüdische Leben im Reich in Auflösung. Seit Monaten fahren die Deportationszüge. Von den 160.000 Juden, die Anfang 1933 in Berlin lebten, ist nur ein kleiner Teil übrig. Die Reichsvereinigung der Juden wird abgewickelt, die Vermögenswerte gehen an die zuständigen Oberfinanzdirektionen, so auch in Berlin.

In dieser Situation wagen es einige der noch in der Hauptstadt verbliebenen Juden – unter ihnen der Rabbiner Martin Riesenburger, der wirtschaftliche Leiter des jüdischen Krankenhauses in der Iranischen Straße Selmar Neumann und der Hilfsarbeiter Günther Rischkowsky –, die in ein vormaliges Siechenheim ausgelagerten Thorarollen in Sicherheit zu bringen: auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Heimlich transportieren sie die liturgische Fracht ins Rabbinerzimmer neben der Trauerhalle und stapeln sie auf der Chorempore in die Höhe. Gut möglich, dass die Pergamente vernichtet worden wären, hätten die Männer und eine junge Frau, Lilo Clemens, sie nicht versteckt.

Nach 1945 werden die Schriftrollen zur Quelle einer zaghaften Wiedergeburt des jüdischen Lebens. Rabbiner Riesenburger, der Krieg und Verfolgung wie die meisten Beteiligten der Rettungsaktion überlebt hat, gibt etliche Rollen aus Weißensee an jüdische Einrichtungen in Berlin, mindestens 100 gehen an Gemeinden außerhalb. Ein ehemaliger Propagandafotograf der Wehrmacht dokumentiert unterdessen in britischem Auftrag den Fund, von dem nun auch Hannah Arendt erfährt, die sich darum bemüht, einen Teil, nebst Archivbeständen, in den Westen der Stadt zu schaffen. Bis 1952 wird die Jewish Cultural Reconstruction, Inc. 1024 Thorarollen weltweit verteilen, vor allem in Israel.

Darunter sind auch etliche aus dem Weißenseer Schatz. Da die DDR-Behörden die Kooperation verweigerten, gelangten sie höchstwahrscheinlich als Schmuggelgut nach West-Berlin; ein Rest blieb im Besitz der Gemeinde. 90 Thorarollen indes sind während eines Luftangriffs 1945 unrettbar beschädigt worden. Noch während des Krieges hat man sie auf dem Friedhof beigesetzt.