Baseballschlägerjahre – Seite 1

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Begonnen hat alles mit einem Zeitungsartikel. In der vergangenen Woche las ich in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung Freitag einen Text von Testo, einem Rapper, der 1988 in der DDR geboren wurde und mit bürgerlichem Namen Hendrik Bolz heißt. Er erzählte von seinen Jugendtagen in Stralsund:

Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, "Heil Hitler!", Lonsdale, Alpha, "Schnauze, du Jude!", das war auch in meiner Umgebung die prägende Jugendkultur, das war provokant, hart, das war die Spitze der Coolness. Faschos waren allgegenwärtige Begleiter meiner Kindheit, waren Kassierer im Supermarkt, Erzieher im Ferienlager, große Geschwister von Freunden, die auf dem Schulweg nett winkten, und sie bildeten Gruppen, die vor Haustüren und auf Spielplätzen lungerten und den öffentlichen Raum unangefochten beherrschten.

Dasselbe hätte ich über meine Heimatstadt Frankfurt (Oder) in den Neunzigern schreiben können, über jene Zeit, als ich mit langen Haaren und ausgelatschten Schuhen durch die Stadt lief. Meist trottete ich durch die Straßen. Manchmal musste ich rennen. Dann, wenn die Glatzen im Dutzend auf mich zuliefen.

Es ist Menschen, die das nicht erlebt haben, schwer zu erklären, wie es war, als Neonazis die Straßen dominierten. Dass es so etwas wie rechten Alltagsterror in Deutschland tatsächlich gibt. Und dass das, was damals in den Neunziger- und Nullerjahren geschah, keine Einzelfälle waren.

Ich teilte den Text von Hendrik Bolz bei Twitter. Und bat andere, von ihren Erfahrungen zu erzählen, unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre. Hunderte Menschen meldeten sich. Sie erzählen davon, wie sie von Neonazis bedrängt wurden, auf Konzerten, in Bussen, auf Schulhöfen. Verbal, mit bloßen Händen, Messern, Schreckschusspistolen oder eben mit Baseballschlägern.

Da ist der Mann, der von einer Technoparty im brandenburgischen Freienwalde berichtet: Vier Neonazis hätten ihn zum Klo geschleppt, zusammengeschlagen und mit einer Waffe am Kopf bedroht. "Ich sollte mich entschuldigen, einen von ihnen Nazi genannt zu haben."

Oder ein anderer, dessen Lehrerinnen ihm gesagt hätten, sie könnten ihn zwar nicht schützen, aber zumindest darauf hinweisen, "dass die Versicherung der Schule nur bezahlt, wenn ich auf dem 'direkten Schulweg' meine Zähne eingeschlagen bekomme".

Ein Journalist berichtet, dass er im Jahr 2000 in Cottbus einen Vortrag über die bei Rechtsextremen beliebte Klamottenmarke Thor Steinar besuchte. 20 Neonazis hätten die Veranstaltung gestürmt. "Ich landete in der Notaufnahme."

Manche der Geschichten sind in ihrer Brutalität kaum zu fassen, andere handeln vom Alltagsleben in dieser tristen Zeit. Von Schlägereien, denen man gerade so entkam, von der ständigen Wachsamkeit, mit der man durch die Straßen lief. Und immer wieder: vom Gefühl, dass die Polizei nicht helfen wird. Sei es, weil die Polizisten überfordert waren, sei es, weil sie die Gewalt nicht besonders ernst nahmen. Es traf ja nicht sie selbst. Es traf Ausländer, Deutsche mit Migrationshintergrund, Obdachlose oder Teenager, die falsch aussahen oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Ihr wurde das Haar geschoren und ein Hakenkreuz auf die Brust gesprüht

Mancherorts waren die Leute von der Antifa die Einzigen, die sich den Nazis in den Weg stellten, und oft verfügten sie über mehr Informationen als manches Verfassungsschutzamt. Dass viele ihnen bis heute dankbar sind – wen wundert es?

Die Menschen, die in den vergangenen Tagen ihre Erfahrungen geteilt haben, sind Wissenschaftlerinnen und Musiker, Abgeordnete und Antifa-Aktivistinnen, Ingenieure, Fußballfans, Pfarrer. Ihre Geschichten sind nicht verifiziert, aber viele schreiben mit Klarnamen und teils unter Angabe ihres Berufes über sehr konkrete Orte und Begebenheiten. Und die schiere Zahl der Geschichten zeigt, dass sie von der Erfahrung einer Generation berichten. Die kollektive Erfahrung derer, die in den Neunzigern und Nullern als Teenager ein bisschen anders als der rechte Mainstream sein wollten und dafür einen Preis zahlen mussten.

Rechtsextremisten haben in Deutschland seit 1990 dutzendfach getötet. Wie viele Menschen genau ihnen zum Opfer fielen, lässt sich schwer sagen, die Zahlen variieren je nach Quelle. Laut Bundeskriminalamt sind es 85. Laut Amadeu-Antonio-Stiftung 198. Dazu kommen Tausende Verletzte, Geschlagene, Verängstigte, Traumatisierte.

Rechts sein heißt Nationalstolz, zum Land stehen und Feinde bekämpfen. Ich bin außerdem Rassist
Bernd, 18, Industriemechaniker

Kürzlich fiel mir eine Ausgabe der Märkischen Oderzeitung aus dem Jahr 1998 in die Hände. Darin wurden die rechtsextremen Vorfälle aufgelistet, die sich über die Silvestertage in Brandenburg ereignet hatten. Kostprobe:

In Mahlow bei Potsdam wurde ein 14-jähriges Mädchen von sieben Teenagern misshandelt. Sie wurde geschlagen, ihr wurde das Haar geschoren und ein Hakenkreuz auf die Brust gesprüht.

In der Uckermark veranstalteten rund 100 "rechtsgerichtete Jugendliche" trotz Verbots eine "Silvesterfeier". Als Polizisten versuchten, die Veranstaltung aufzulösen, griffen die Jugendlichen sie mit Gehwegplatten an und schlugen den Einsatzleiter zusammen.

In Eberswalde attackierten zehn Neonazis einen türkischen Koch. Sie hielten ihm eine Schreckschusspistole an den Kopf.

Immerhin reagierte Ministerpräsident Manfred Stolpe auf diese Taten, die sich wohlgemerkt in nur einem Bundesland innerhalb weniger Tage ereignet hatten. Er nannte sie "Einzelfälle" und die Täter "Banditen", was immer noch besser war als die Strategie von Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der den Neonaziterror routiniert wegschwieg.

"Heute bin ich das letzte Mal in Deutschland"

Es waren genau diese Neunziger, in denen die Terrorzelle NSU entstand, beschützt von einem Umfeld aus stillschweigender Sympathie oder schierer Angst. Eine Frau, die laut ihrem Twitter-Account heute in Köln lebt und damals in Jena wohnte, sagt, man habe damals schon gewusst, dass auf Konzerten "für eine bewaffnete Nazi-Gruppe aus Jena gesammelt wird".

Und es gab weit mehr als den NSU, dessen rassistische Morde erst im Jahr 2011 aufgedeckt wurden. Es gab die Oldschool Society, es gab Sturm 34 und die Gruppe Freital – und weitere rechtsmilitante Terrorgruppen, die in den vergangenen Jahren ausgehoben wurden.

Manche dieser Trupps, vor denen wir früher wegrennen mussten, haben den langen Marsch durch die Institutionen angetreten. Es gibt Rechtsextremisten bei der Polizei und bei der Bundeswehr und in den AfD-Fraktionen. Was wird in 2020er-Jahren sein? Wird dann ein früherer Bomberjackenschläger Innenminister sein?

Neue Neonazis sammeln sich heute in Türsteher- und Kampfsportszenen

Die Baseballschlägerjahre haben ihre Spuren auch in den Köpfen jener hinterlassen, die heute keiner rechten Gruppierung angehören. Das kann man auch in der Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft erkennen. Bei der Landtagswahl in Thüringen stimmten die Älteren seltener rechtspopulistisch. Es waren vor allem die 18- bis 55-Jährigen, die die AfD gewählt haben. Das ist die Kohorte derer, die zur Wende noch gar nicht geboren oder bis 25 Jahre alt waren. Also auch meine Altersgruppe, in der viele vor den Nazis wegrannten, aber in der auch viele selbst Bomberjacken trugen.

Die Regierenden, aber auch Medien in Ost und West haben die Bomberjackenträger und die von ihnen verbreitete Angst nicht ernst genug genommen. Hätten sie es getan, dann hätte das auf Polizisten, Staatsanwälte, Verfassungsschützer, aber selbst auf die Neonazis eine Wirkung gehabt. Das sieht man zum Beispiel an Brandenburg.

Dort gründete die Landesregierung Ende der Neunziger die Mega, die "Mobile Einsatzeinheit gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit". Diese Untereinheit des Staatsschutzes beobachtete die Szene, sammelte Wissen, und vor allem gab sie den Neonazis das Gefühl, beobachtet zu werden. "Stalken muss man die", sagte ein Beamter vor etwa einem Jahr dem Tagesspiegel. Mit Erfolg. Die Szene schrumpfte, später wurde die Einsatzeinheit ihrerseits wegen Sparmaßnahmen verkleinert.

© Bettina Flitner (aus der Fotoarbeit: "Ich bin stolz ein Rechter zu sein", Berlin, 2000)
Ich bin ein rechter Skin. Irgendjemand muss sich ja um unser Land kümmern
Basti, 18, Schüler

Neue Neonazis sammeln sich heute in Türsteher- und Kampfsportszenen, in rechtsextremen sogenannten Bürgerinitiativen. Zugleich dockt der Rechtsextremismus geschickter an das konservative Bürgertum an. Etwa, wenn er von der rechten Gefahr ablenkt, indem er eine angeblich linke Durchdringung der Gesellschaft anprangert.

Heute lässt sich vielerorts beobachten, wie Konservative aus Angst vor der AfD eine neue Bedrohung durch Linke großreden, während das rechtsradikale Ausgrenzen von ganzen Menschengruppen irgendwie als verzeihlich erscheint. So entsteht eine Debattenlage, die der Realität widerspricht und die Rechtsextremisten für sich zu nutzen wissen. Wie in den Neunzigern, als die finsterbraune Realität in zahllosen deutschen Städten und Dörfern nur die wenigsten interessierte.

© Bettina Flitner (aus der Fotoarbeit: "Ich bin stolz ein Rechter zu sein", Berlin, 2000)
Rechts sein heißt: Spaß an der Freude haben, saufen, ficken, schlafen
Stalin, 18, arbeitslos

Wie ist es möglich, dass Talkshows, Bundestagsdebatten, Zeitungstitel sich der Bedrohung der Meinungsfreiheit durch Linke widmen, während fast unbeachtet bleibt, wie viele junge Leute noch immer aus Angst vor Neonazis die ländlichen Räume verlassen? Wie kann man ernsthaft den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke mit dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow vergleichen? Haben wir nichts gelernt aus dem Aufstieg der Neonazis nach 1989?

Bis zum Redaktionsschluss am Dienstag haben sich auf Twitter unter #baseballschlägerjahre viele Menschen zu Wort gemeldet, aus Ostdeutschland, manche auch aus dem Westen. Nur die, die vom rechten Terror am stärksten betroffen sind, sind weitgehend stumm geblieben: Menschen mit Migrationshintergrund. Menschen wie Habib, dessen Freund Raban unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre seine Geschichte aufschrieb.

Sie geht so: Habib wuchs zu DDR-Zeiten in Leipzig auf, als Sohn eines syrischen Medizinstudenten. Gleich nach der Wende zog er in die Niederlande, kam aber 1990 in seine Heimatstadt Leipzig zurück, um Freunde zu besuchen. Schon am Hauptbahnhof wurde er von Neonazis überfallen und halb totgeschlagen. Als er kurz darauf blutüberströmt vor der Tür seines Freundes Raban stand, sagte er: "Heute bin ich das letzte Mal in Deutschland." Habib verschwand, nach Amsterdam, später nach Asien, dann verlor sich seine Spur. Seine Mutter hat einen Privatdetektiv beauftragt, sogar in Australien wird Habib vermutet. Nur in seiner alten Heimat, in Leipzig, da ist er sicher nicht.

In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde ein Tweet von Friedrich Merz fälschlicherweise im Zusammenhang mit dem Hashtag #baseballschlaegerjahre wiedergegeben. Wir haben das entsprechende Zitat entfernt und entschuldigen uns für den Fehler. // Die Redaktion