DIE ZEIT: Norbert Bisky, Ihr Bruder Jens hat ein großes historisches Buch über Berlin geschrieben. Sie wiederum rücken in Ihren aktuellen Bildern die DDR in den Blick. Warum schauen Sie beide gerade jetzt zurück?

Norbert Bisky: Ich habe mich schon vor 20 Jahren in Bildern mit meiner Herkunft beschäftigt. Jetzt gibt es eine neue Situation: Dem Osten können Sie ja derzeit gar nicht mehr entkommen. Der Ossi ist wieder da als unbekanntes Wesen, was mit politischen Vorgängen zu tun hat. Ich selbst habe derzeit viele Erinnerungen, auch Träume.

ZEIT: Verraten Sie uns einen Traum?

Norbert Bisky, 1970 geboren, gehört zu den bekanntesten Malern seiner Generation. Zum Mauerfall-Jubiläum zeigt er zwei Ausstellungen: in der Potsdamer Villa Schöningen und in der Matthäuskirche in Berlin. © Daniel Biskup/​laif

Norbert Bisky: Ich träume immer wieder davon, dass ich als Soldat, obwohl ich Wache habe, eingeschlafen bin. Davon schrecke ich natürlich hoch.

Jens Bisky: Der Blick zurück relativiert manch aktuelle Aufregung. Meine Perspektive ist geprägt von den Berliner Jahren nach 1989. Deshalb wollte ich in meinem Buch Ost und West gleichrangig behandeln, nicht erst den "Normalfall West" und dann die "Abweichung Ost" darstellen – oder andersherum. Mir ging es um die Verflochtenheit auch der zerschnittenen Stadt, um Ähnlichkeiten in der Alltagskultur, der Architektur, der Verkehrsplanung. Eine Gemeinsamkeit war die, dass in Ost- wie West-Berlin die Distanz zur Bundesrepublik oder der DDR groß war, wahrscheinlich größer als zwischen den beiden Stadthälften.

Jens Bisky, 1966 geboren, ist Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" und Buchautor. Gerade von ihm erschienen: "Berlin. Biographie einer großen Stadt" (Rowohlt Berlin) © Gerhard Leber/​imago images

ZEIT: Das leuchtet nicht auf Anhieb ein.

Jens Bisky: Die Mauer teilte, ihr täglicher Anblick verband. Und der rechtliche Status der Stadt war ein besonderer. Hinzu kommt: Das Jahr 1989 konnten Sie vielleicht in Hamburg ignorieren, in West-Berlin konnten Sie das nicht. Mich interessieren zudem Kippmomente: Ost-Berlin war eine Wohlstandsinsel in der DDR. West-Berlin war das Schaufenster der Freiheit, aber doch eines, auf das man von Köln und München aus mit einer gewissen Verachtung blickte. Nach dem Mauerfall haben die West-Berliner dann eine typische Umbruchserfahrung gemacht: Sie verloren Subventionen und Aufmerksamkeit, galten als zurückgebliebene Figuren.

ZEIT:Ost-Berlin wurde dagegen aufgewertet.

Jens Bisky: Ja, und zwar mit einer stadthistorisch interessanten Verschiebung. Plötzlich waren die einst proletarischen Viertel angesagt. Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain wurden zum Schauplatz des Aufbruchs, nicht die traditionell "besseren Gegenden" im Westen.

Norbert Bisky: Ost-Berlin als Schaufenster der DDR war natürlich auch schäbig, nur nicht ganz so schäbig wie der Rest der Republik.

ZEIT: Sie sind beide 1981 mit Ihren Eltern aus Leipzig nach Ost-Berlin gekommen.

Jens Bisky: An dem Tag, als Prinz Charles und Diana geheiratet haben. Ich war fast 15, Norbert 10. Wir sind nach Marzahn gezogen.

ZEIT: In die heute so berüchtigten Plattenbauten?

Norbert Bisky: Die waren komfortabel innen, mit warmem Wasser und Heizung, aber man war von Dreck umgeben. Draußen war Schlammwüste.

Jens Bisky: Viele waren froh, dass sie dort Wohnungen bekommen haben. Und dieses Plattenbauviertel war sozial sehr gemischt. Dass die Krankenschwester und der Professor der Charité im selben Block wohnten, war kein Klischee.

ZEIT: Ihr Vater Lothar Bisky, der spätere Vorsitzende der Linken, war Rektor der Filmhochschule in Potsdam. Sie entstammen einer Familie, die zur intellektuellen Elite des Landes zählte. Gab es zu Hause bei Ihnen manchmal die Überlegung: Ach, vielleicht ist es im Westen doch besser?

Norbert Bisky: Niemals. Das Selbstverständnis war: Wir leben auf der besseren Seite der Menschheit.

ZEIT: Dieses Bewusstsein war in den Achtzigern bestimmt nicht typisch?

Norbert Bisky: Überhaupt nicht. Aber als Kind merkt man zunächst nicht, wenn die Eltern etwas komisch sind. Das ist, als würden Sie in einer Sekte aufwachsen.

Jens Bisky: Es gab in meinem Umfeld damals kaum jemanden, der sagte: Alles in der DDR ist scheiße. Die Opposition war klein, die Mehrheit arrangierte sich grummelnd, suchte Rückzugsräume im Alltag.