Die Delegationen von Volkspartei und Grünen dürften noch in dieser Woche ernst machen mit Koalitionsverhandlungen. Dass es so weit kommen würde, darauf deuten seit geraumer Zeit alle Zeichen.

Noch in der Wahlnacht ließ der überlegene Sieger Sebastian Kurz den ehemaligen schwarzen Spitzenmann Wilhelm Molterer, einen Intimus von Wolfgang Schüssel, am Rande der türkisen Wahlfeier zu sich bitten. Es gab eine echte Neuigkeit zu bereden: Niemand hatte ernsthaft mit der mathematischen Möglichkeit einer Koalition von Türkis und Grün gerechnet. Nun war diese Variante real geworden. Wendekanzler Wolfgang Schüssel bleibt deshalb dieser Tage im Team Kurz aber mehr denn je ein gefragter Mann: Wie war das damals, 2003, wirklich, als die von ihm angeführte ÖVP erstmals mit den Grünen, angeführt von Alexander Van der Bellen, über eine Regierungsbildung verhandelte?

In beiden Lagern ist nun der gute Rat von Parteifreunden von damals gefragt. Werner Kogler geht mit einem kleinen Startvorteil in die Verhandlungen. Der 57-jährige Ökonom war seinerzeit zwar nicht im Spitzenverhandlungsteam, saß in einer Untergruppe zu Finanzen und Budget. Alexander Van der Bellen hatte ihn auch in seinem Wunsch-Regierungsteam mit auf der Verhandlungsliste: als Staatssekretär im Finanzministerium.

Die Ausgangslage war ähnlich wie heute. Knapp zwei Jahre ging das Regieren mit den Blauen trotz Pannen und Querschüssen gut. 2002 inszenierte Jörg Haider in Knittelfeld einen Aufstand der blauen Basis gegen das blaue Regierungsteam. Eine Parteispaltung lag in der Luft. Kanzler Wolfgang Schüssel rief umgehend Neuwahlen aus. Mit 42 Prozent triumphierte er. Die FPÖ stürzte ab. Eine Neuauflage mit den unsicheren Kantonisten in Blau fand in der ÖVP zunehmend Gegner. Nach einer eher formalen Verhandlung mit den ungeliebten Roten unter Alfred Gusenbauer schien eine Koalitionspremiere zwischen Schwarz und Grün schon zum Greifen nahe.

Aus ÖVP-Sicht scheiterte 2003 der Koalitionspakt primär daran, dass der damalige grüne Strippenzieher Peter Pilz immer wieder mit der Botschaft an den Verhandlungstisch gekommen sei: Das vorliegende Paket sei in den grünen Gremien nicht durchzubringen – und diese Niederlage wolle er "dem Sascha nicht antun".

Peter Pilz war anfangs nur einer von mehreren Playern im grünen Verhandlungsteam, spielte im Finale aber eine tragende Rolle. Alexander Van der Bellen schwächelte nach einem kräfteraubenden Wahlkampf und ständigen innerparteilichen Querschüssen physisch in der Endphase der Verhandlungen und musste immer öfter pausieren. Auch die erfahrene Stellvertreterin des Grünen-Chefs im Parlamentsklub, Madeleine Petrovic, fiel aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig aus. Eva Glawischnig war gerade erst drei Jahre bei den Ökos und hatte noch nicht genügend Standing, um eine zentrale Rolle zu spielen.

Die Verhandlungsführung übernahm, so die übereinstimmenden Berichte mehrerer schwarzer Augenzeugen, immer mehr Peter Pilz. Das kam auch aus Sicht der ÖVP nicht von ungefähr: Pilz hatte Van der Bellen erfolgreich zu den Grünen gelotst, als Bundessprecher und Klubchef durchgeboxt und besaß damit als dessen persönlicher Ratgeber Gewicht. Das grüne Urgestein kannte zudem das komplexe Innenleben der Oppositionspartei.

Auch wenn es perfekt in einen Netflix-Plot passen würde: Das von den schwarzen Protagonisten von damals gezeichnete Bild, der grüne Beelzebub Peter Pilz habe mutwillig das schwarz-grüne Aufgebot von Wolfgang Schüssel und Alexander Van der Bellen im Finale durch Obstruktion zerstört, hält einem Gegencheck nicht stand.