Ostdeutsche Küche: Welche Rezepte haben Sie für die Zukunft?

Eine Spitzenköchin und eine Schokoladen-Sommelière antworten.
ZEIT im Osten Nr. 46/2019

Zum zehnten Geburtstag der ZEIT im Osten: Ein Spezial über Ostdeutsche unter 40, die die Republik verändern könnten. Hier die 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur im Überblick.

Ich habe jetzt die Chance, die Gastronomie in meiner Heimat zu beeinflussen
Hanna Lehmann

Es fehlt im Osten nicht an guten Restaurants und Köchen. Was ein bisschen fehlt, ist das Bewusstsein für Qualität und die Wertschätzung für Essen. Zum Beispiel muss ich hier im Grunde auf jedem Menü, das ich entwerfe, Schnitzel haben. Nichts gegen Schnitzel. Aber es steht auch symbolisch für die Erwartungshaltung. Viele sind es gewohnt, dass die Restaurants große Portionen zu kleinen Preisen anbieten. Ich glaube, ich würde gerne zeigen, dass auch andere Dinge schmecken.

Ich bin im Erzgebirge aufgewachsen. Eigentlich hatte ich angefangen, Germanistik zu studieren. Aber ich spürte bald, dass mein Herz am Kochen hängt. Schon als Schülerin liebte ich es, Dinge aus unserem Garten zu verwerten. Deswegen habe ich mich im La Bouchée in Chemnitz zur Köchin ausbilden lassen. Zwischendurch war ich Praktikantin beim Sternekoch Johannes King auf Sylt. Aber ich merkte: Ich will heim. Als ich auf Sylt ankündigte, dass ich zurück nach Sachsen gehe, haben viele gefragt: Was willst du da? Da ist doch nichts. Mich stören diese Vorurteile. Letztes Jahr konnte ich als erste Köchin aus dem Osten den Rudolf-Achenbach-Preis als beste Nachwuchsköchin gewinnen. Wenig später hat mir das Laurus in Hartmannsdorf eine Stelle als Küchenchefin angeboten. 30 Plätze, Kräutergarten – mein Traum. Da habe ich jetzt die Chance, die Gastronomie in meiner Heimat zu beeinflussen.

Hanna Lehmann, 24, geboren in Chemnitz, ist Küchenchefin in Hartmannsdorf – und will den Osten kulinarisieren

Eine Schokoladen-Sommelière in der Provinz ist etwas Besonderes
Sarah Gierig

Viele hier können mit der Bezeichnung "Schokoladen-Sommelière" nichts anfangen. Ich musste eine Weiterbildung an der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk dafür machen. Ein halbes Jahr habe ich dort alles gelernt, was man über Schokolade wissen muss: von deren Geschichte über die Anbaugebiete bis hin zur Geschmackslehre und zu Verarbeitungsmöglichkeiten. Dieses Wissen versuche ich jetzt auch in meiner Bäckerei und Konditorei in Neustadt in der Sächsischen Schweiz einzusetzen. Die ist in der dritten Generation in Familienhand. Eine Schokoladen-Sommelière in der Provinz ist schon etwas Besonderes. Natürlich muss ich die Leute an meine Produkte etwas aufwendiger heranführen, als das in einer Großstadt der Fall wäre. Ich kann verstehen, wenn die Rentnerin, die hier seit Jahren lebt, einfach nur ihr Stück Schokoladenkuchen für zwei Euro zum Kaffee haben möchte. Aber wenn ich erkläre, wie viel Handarbeit und viel Liebe da drinstecken und dass ich viele regionale Produkte verwende – dann akzeptieren die meisten auch, dass so ein Schokoladenkuchen ein bisschen mehr kostet. Inzwischen kommen Leute aus Dresden oder Leipzig zu mir, um Schokoladenkuchen zu essen.

Sarah Gierig, 32, geboren in der Sächsischen Schweiz, ist Konditorin und Schokoladen-Sommelière – die erste im Osten

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