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In dem dystopischen Roman Metropole des Schriftstellers Ferenc Karinthy aus dem Jahr 1970 geht ein talentierter ungarischer Linguist am Budapester Flughafen zum falschen Gate, steigt in das falsche Flugzeug und landet in einer Stadt, in der ihn trotz der beeindruckend vielen Sprachen, die er beherrscht, niemand verstehen kann. Ich fürchte, dass das heutige Europa ebenjener Stadt ähnlicher wird, in der der unglückliche Ungar gelandet ist.

Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, ist heute das bestimmende Merkmal sämtlicher europäischen Regierungen untereinander. Besonders schmerzhaft wirkt dieser Zustand in den Beziehungen Deutschlands zum Osten der EU. In aller Regel begrüßen die postkommunistischen Gesellschaften deutsche Investitionen, und Osteuropäer wandern bevorzugt nach Deutschland aus. Gleichzeitig jedoch werden die populistischen Regierungen der Region gerade wegen ihrer ständigen Angriffe auf Deutschland gewählt. In Polen errang die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gerade erst die absolute Parlamenstmehrheit. Im Wahlkampf hatte sie unter anderem Reparationen von Deutschland als Wiedergutmachung für den Zweiten Weltkrieg gefordert.

In Berlin wird allgemein angenommen, dass "das Ende der Liebe" zwischen Ost- und Westeuropa vor allem auf unterschiedliche Ansichten zur Migration zurückzuführen sei. Das ist richtig. Und doch gibt es ein Missverständnis: Die Osteuropäer fürchten nicht die Art von Migration, über die sich die Deutschen den Kopf zerbrechen. Das Problem ist nicht die Angst davor, dass über Deutschland scharenweise Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika in die osteuropäischen Länder strömen könnten, auch wenn dies populistische Führer in Osteuropa ständig behaupten. Der Kern der Angst besteht vielmehr darin, dass immer mehr osteuropäische Jugendliche in Deutschland landen, dass Deutschland die jungen Fachkräfte der Region aggressiv umwirbt und dass Osteuropa dadurch selbst zur Wüste wird.

Es ist gerade die Attraktivität Deutschlands, die die antideutsche Stimmung in Osteuropa beflügelt. In diesem Sinne trägt Deutschland durchaus eine Mitverantwortung für den Aufschwung des Populismus im Osten. Deshalb sollte sich die Regierung Merkel über die wachsende Kluft in Europa ebenso Sorgen machen wie über die Ost-West-Kluft, die sich durch ihr eigenes Land zieht. Berlins Verantwortung für die europäische Vereinigung reicht weit über Dresden hinaus – und diese Bundesregierung ist ihr nicht gerecht geworden.

Europas Osten ist zu einem wichtigen Arbeitskräftelieferanten für seinen alternden Westen geworden. Seit 2007 haben 3,4 Millionen Rumänen, die meisten von ihnen jünger als vierzig, ihr Land verlassen. Diese Entwicklung schürt vor Ort die Panik, dass die Entvölkerung am Ende die eigene Nation absterben lassen könnte. Während die Osteuropäer vor einem Jahrhundert noch junge und demografisch aufstrebende Gesellschaften verließen, verlassen sie heute die am schnellsten schrumpfenden Bevölkerungsgruppen der Welt. Tatsächlich reichen die gegenwärtige Geburtenraten nicht aus, um die Existenz der Osteuropäer zu sichern. Von 1989 bis 2017 verlor Lettland 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen 22,5 Prozent. Bulgarien verzeichnet derzeit sogar den prozentual größten Bevölkerungsrückgang, den ein Land der Neuzeit in Friedenszeiten und ohne Hungersnöte jemals erlitten hat.

Die Kombination aus alternder Bevölkerung, niedrigen Geburtenraten und einem endlosen Strom von Abwanderung macht Mittel- und Osteuropa zu einem fruchtbaren Boden für populistische Politik. Eine kleine Nation, so der Schriftsteller Milan Kundera, "ist eine, deren Existenz jederzeit infrage gestellt werden kann; eine kleine Nation kann verschwinden, und sie weiß es".

In einem Europa der offenen Grenzen sehen sich die Osteuropäer mit einer ähnlichen Bedrohung konfrontiert wie die DDR vor dem Mauerbau: Bürger im erwerbsfähigen Alter verlassen ihre Heimat, um im Westen zu leben.