Den Bruch des Unterarms hatte sich Udo als Jugendlicher zugezogen. Die Verletzung verheilte, zumindest einigermaßen. Am Gelenkkopf der Elle verrät eine "pilzschwammartige Verwachsung", dass Udo in den Jahren danach noch schmerzhafte Spätfolgen auszuhalten hatte: Die Arthrose, so vermutet Madelaine Böhme, muss ihm bei jeder Drehbewegung der Hand "höllisch wehgetan haben". Die Tübinger Wissenschaftlerin legt den fossilen Knochen zurück in die Holzschublade. Sie greift nach dem nächsten Gebein. Und sie deutet an: Jetzt geht’s erst richtig los.

Die Elle war nur das Intro – eines von 21 Fragmenten, die vom urzeitlichen Menschenaffen Udo übrig geblieben sind. Viel spektakulärer als die Krankengeschichte des Primaten ist die Interpretation seiner anatomischen Besonderheiten. Die damals gesund gebliebenen Skelettteile verraten uns die speziellen Verhaltensweisen des Tiers – und machen Udo in diesen Tagen zur Berühmtheit.

Da ist zum Beispiel die gerade Stellung des Schienbeins: Die Tibia befindet sich senkrecht über dem Fuß, wie wir es vom Homo sapiens kennen. Oder die Beschaffenheit von Knie, Lendenwirbel und Brustkorb. Das Wissenschaftsmagazin Nature vermeldet in seiner aktuellen Ausgabe, wovon die auffällige Ausstattung dieses Primatenskeletts zeugt: Udo konnte aufrecht gehen. Mehr oder weniger wie unsereiner.

Für ein Exemplar der neu entdeckten Menschenaffenart Danuvius guggenmosi ist das eine erstaunliche Fähigkeit – allein des Alters der Fossilien wegen. Schließlich machte Udo seine Spaziergänge nicht etwa in jener Zeit, aus der wir die bislang ältesten bekannten Belege für aufrecht gehende Säugetiere kennen: Vor mehr als 7 Millionen Jahren lebte der Zweibeiner Graecopithecus; vor gut 6 Millionen Jahren war Sahelanthropus an der Reihe; vor 4,4 Millionen Jahren existierte Ardipithecus; und der berühmte Australopithecus namens Lucy ist gerade mal 3,2 Millionen Jahre alt.

Madelaine Böhme, 52, erforscht in Tübingen die Vorgeschichte der Menschheit. Sie hat Udos fossile Knochen entdeckt. © Christoph Jäckle/​Universität Tübingen

Nein, Udo ist früher aufgestanden. Viel früher als die vermeintlichen Pioniere des aufrechten Gangs. Vor 11,6 Millionen Jahren war dieses Wesen schon als Zweibeiner unterwegs – ein Widerspruch zur Vorgeschichte des Menschen, wie Anthropologen sie jahrzehntelang erzählt haben.

Ober- und Unterkiefer, Handknochen, Oberschenkel, Zehen, eine Kniescheibe: Insgesamt 38 schwarz verfärbte Knochenstücke und Zähne hat Madelaine Böhme vor sich ausgebreitet. Es handelt sich um die Gebeine von vier Individuen: zwei Frauen, ein Kind und Udo – "vielleicht die ganze Familie", sagt sie. Gefunden hat die 52-jährige Geologin und Professorin für Paläoklimatologie ihre fossilen Schützlinge in einer Tongrube namens Hammerschmiede. Und der Name dieses Ortes verspricht, dass Böhmes Publikation noch aus einem zweiten Grund die Fachwelt irritieren dürfte – und in Teilen gegen sie aufbringen könnte.

So wie über die extrem frühe zeitliche Einordnung wird die Zunft über den Ort streiten, an dem die Gebeine seit der erdgeschichtlichen Epoche des Miozäns ruhten. Er liegt viel zu weit nördlich, um zur heutigen Lehrmeinung zu passen. Denn die frühen Homininen, die angeblich erst von den Bäumen stiegen und danach die Menschwerdung forcierten, indem sie sich aufrichteten, Werkzeuge erfanden, am Lagerfeuer zu Köchen wurden und als zweibeinige Läufer immer größere Kreise durch die Savanne zogen – das sind die Protagonisten einer afrikanischen Erzählung. Diese erreicht vor rund zwei Millionen Jahren einen dramaturgischen Höhepunkt: "Out of Africa" heißt die Theorie, wonach erst damals menschenartige Zweibeiner die vermeintliche "Wiege der Menschheit" verließen und als Homo erectus eurasische Gefilde eroberten.

Die Funde aus der Hammerschmiede haben in dieser Theorie bislang keinen Platz. Die Tongrube liegt weder in Kenia noch in Äthiopien oder an einem anderen Hotspot der Menschheitsevolution. Sie liegt in Pforzen im Allgäu. Nicht weit davon entfernt thront Schloss Neuschwanstein und steht das Barockkloster Irsee bei Kaufbeuren. Wenn man den aufrechten Gang traditionell als entscheidendes Merkmal all jener Spezies betrachtet, die wir als Menschen oder Vormenschen bezeichnen: Kann er dann in Bayern erfunden worden sein?