Zum zehnten Geburtstag der ZEIT im Osten: Ein Spezial über Ostdeutsche unter 40, die die Republik verändern könnten. Hier die 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur im Überblick.

Toni Kroos

Warum ist Toni Kroos derzeit der einzige aktive ostdeutsche Fußball-Weltstar, Herr Meyer?

"Der Fußball der DDR war nie Weltklasse, aber gemessen an der Größe unseres Landes und der Profi-Konkurrenz der westlichen Welt war er angemessen erfolgreich. 1976 holte die DDR-Auswahl Olympia-Gold. Bei der WM in der Bundesrepublik 1974 gewann sie mit 1 : 0 gegen die BRD, den späteren Weltmeister. Auch gewann Magdeburg 1974 den Europapokal. Es gab viele Traditionsvereine in der DDR, eine Menge gut ausgebildeter Spieler und einige außergewöhnlich begabte Fußballer. Die Basis für die gute Ausbildung war eine großzügige staatliche Unterstützung. Sichtung, Trainingsbedingungen, sportmedizinische Betreuung und sehr gut ausgebildete Diplomsportlehrer.

Von dieser Güte hat noch das wiedervereinigte Deutschland profitiert. Die DDR-Auswahlspieler Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Andreas Thom wurden schnell in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft berufen. Noch im WM-Finale 2002 gegen Brasilien standen drei Deutsche, die in der DDR groß wurden. Und mit Michael Ballack aus Chemnitz, der für dieses Spiel gesperrt war, ein weiterer Spieler, der eine große Aktie am Einzug ins Finale hatte. Vier Vizeweltmeister mit Ausbildungshintergrund an den Kinder- und Jugendsportschulen der DDR. Heute spielt nur noch Toni Kroos regelmäßig in der Nationalelf. 1990 geboren, kennt er das frühere System nur vom Hörensagen.

Eine völlig andere Infrastruktur sorgte nach 1990 für komplizierte, teils unlösbare Probleme. Alle Vereine fingen bei null an. Organisatorisch, finanziell. Was den Ost-Fußball früher stark machte, die staatliche Unterstützung, war von heute auf morgen weg. Die Konkurrenz hatte Vorsprung ohne Ende. Nach 1990 waren viele meiner Landsleute von den neuen Begebenheiten überfordert. Wir hatten Planwirtschaft gelernt, nicht Marktwirtschaft. Das wurde flankiert von einer zusammenbrechenden Industrie. In Jena, Zwickau, Magdeburg und Frankfurt/Oder hat man nichts verlernt, aber man arbeitet nicht auf Augenhöhe mit Schalke, Mönchengladbach oder Hoffenheim, auch nicht mit Freiburg oder Mainz. Manche Vereine leisten Beachtliches, etwa Union Berlin oder Dynamo Dresden oder Aue oder vor Jahren Cottbus, doch sind bis heute die Mannschaften aus dem Osten hintendran. Eine Ausnahme ist RB Leipzig, dort arbeitet man allerdings unter Bedingungen, bei denen nicht erst auf Fernsehmillionen gewartet werden muss. Auch im Westen geht es Traditionsvereinen schlecht. Auch Schleswig-Holstein hat keinen Nationalspieler, nicht mal einen Bundesligisten. Aber das Gefälle zwischen West und Ost ist 30 Jahre nach dem 9. November nicht zu übersehen. Auch im Fußball zeigt sich: Nicht alles an der Einheit war prima."
Protokoll: Oliver Fritsch

Stefanie Hertel

Fragt man die Sängerin Stefanie Hertel, ob Musiker sich stärker gegen Rechtspopulismus und gesellschaftliche Spaltung engagieren sollten, antwortet sie sehr direkt: "Ja." Das ist nicht selbstverständlich, nicht in ihrer Branche, in der es zwischen Schlager und Pop und Volksmusik so viele gibt, die lieber nichts sagen, als auch nur fünf Platten weniger zu verkaufen. Hertel war das stets egal. Ihr war egal, ob es Leute gibt, die sie, im Vogtland geboren, für ihre Musik belächeln (wobei die meisten gar nicht wissen, dass in Über jedes Bacherl geht a Brückerl auch a bisserl was Philosophisches versteckt ist). Ihr ist egal, ob sie Leute vor den Kopf stößt, wenn sie sagt: Jeder müsse sich reinhängen fürs Gemeinwesen. "Das geht nicht nur sogenannte Promis an, sondern jeden Einzelnen, der Freiheit und Demokratie erhalten und Frieden wahren möchte." Könnte sein, dass diese Frau, die seit ihrem siebten Lebensjahr auf der Bühne steht, für den Osten noch sehr relevant sein wird.
Martin Machowecz

Nhi Le

DIE ZEIT: Nhi Le, Sie sind eine bekannte Bloggerin und Journalistin, Sie schreiben und sprechen viel über den Osten und über den Rechtsextremismus hier. Zuletzt schrieben Sie aber auf Twitter, das Thema nerve Sie.

Nhi Le: Mich hat eher die riesige Zahl an Anfragen überfordert: Ständig wollen Leute von mir den Osten erklärt bekommen. Das hat mich ein bisschen frustriert und erschöpft. Oft habe ich nur das Gefühl, da will jemand eine schnelle, einfache Antwort auf ein sehr komplexes Thema. Man fängt wirklich fast in jedem Gespräch von vorn an: Erklärt, dass die rechtsradikalen Strukturen hier nicht erst seit gestern existieren. Verweist auf Fehler der Politik, die diese Strukturen jahrelang kleingeredet hat. Das ist manchmal ermüdend.

ZEIT: Man kann es auch so sehen: Endlich wird über den Osten geredet.

Le: Das stimmt, und das ist auch gut so. Aber wir sollten nicht so naiv sein, zu denken, dass das so bleibt. Wir haben ja ein besonderes Jahr. Drei Landtagswahlen, das 30. Jubiläum des Mauerfalls, na klar fällt da gerade viel Scheinwerferlicht auf den Osten. Die Frage ist: Schaffen wir es, dass das auch in ein, zwei Jahren noch so ist? Da habe ich, ehrlich gesagt, meine Zweifel. Schon nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hatte ich das Gefühl, dass viele dachten: Jetzt ist auch mal gut mit dem Osten.

ZEIT: Sie beklagen, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu wenig sichtbar sind. Ein selbstkritischer Blick auf diese Seiten zeigt: Es kommen wirklich kaum Migranten vor. Haben wir uns zu wenig Mühe gegeben? Oder ist der Osten nicht so divers?

Le: Der Osten hat da auf jeden Fall Nachholbedarf. Aber es gibt natürlich auch hier people of color. Sie stehen nur nicht so im medialen Fokus, bekommen nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Medien sollten diese Menschen sichtbarer machen. Das würde dem Osten guttun.
Interview: Daniel Böldt