Zum zehnten Geburtstag der ZEIT im Osten: Ein Spezial über Ostdeutsche unter 40, die die Republik verändern könnten. Hier die 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur im Überblick.

Es ist ja klar, dass man Richard Socher irgendwo am anderen Ende der Welt erreicht, in diesem Fall auf dem Flughafen von Seoul, wo er von einem dienstlichen Termin zum anderen umsteigt. Die Handyverbindung ist schlecht, aber es ist natürlich besonders interessant, mit jemandem über seine Heimat zu reden, wenn er vor zehn Jahren in die USA gezogen ist und sich nun für ein paar Stunden in Südkorea aufhält. "Stimmt: Zehn Jahre lebe ich schon im Silicon Valley, unglaublich", sagt Socher. "Das ist damit geografisch die längste Station meines Lebens."

Socher ist 35 Jahre alt und gehört zu den weltweit meistzitierten Forschern zum Thema künstliche Intelligenz. Er ist in Dresden geboren, wuchs zwischenzeitlich in Äthiopien auf, weil seine Eltern, er Wissenschaftler, sie Ingenieurin, zu DDR-Zeiten dort arbeiteten. Er studierte Informatik in Leipzig und Saarbrücken, dann ging er nach Princeton und Stanford. Er leitet die Entwicklungsabteilung des Software-Giganten Salesforce, der 2018 einen Umsatz von elf Milliarden Dollar machte. Socher ist in seiner Branche ein Star. Was verdankt er seiner Heimat?

"Ich bin vor allem extrem dankbar für meine universale, gute, deutsche Bildung", sagt er. Das fing an auf dem Gymnasium in Dresden-Plauen, dem er so dankbar ist, dass er eine große Spende in die Wege leitete, wobei er, so Socher, die Schule damit vor Probleme gestellt habe: "Anfangs war es gar nicht sicher, ob sie diese annehmen können, denn das ist in Deutschland nicht so üblich." Er denke gerne an seinen Geografieunterricht zurück, aber auch an Geschichte, Physik, Ethik, "man liest Gedichte und bildet sich naturwissenschaftlich weiter, das ist schon etwas Besonderes in Deutschland", sagt Socher.

Auch sein Studium in Leipzig und Saarbrücken sei sehr gut gewesen, wenn auch nicht so Forschungs-fokussiert wie in den USA. "Was in Deutschland noch fehlt, sind die absoluten Top-Unis mit hohem weltweiten Ranking", sagt Socher. Auf Spitzenforschung habe er sich erst in Stanford konzentrieren können, womöglich konnte er seine Forschung auch nur in den USA betreiben. Wieso ist man im Silicon Valley innovativer als in Deutschland? "Vielleicht", sagt Socher, "liegt es daran, dass man in Kalifornien keine so lange Geschichte hat. Man kann sich auf etwas ganz Neues konzentrieren." Mag sein, dass es in Dresden, wo die Geschichte Grundlage von allem ist, schwieriger ist, neue Dinge anzufangen. Trotzdem komme er gern zurück, Weihnachten etwa. Manchmal, sagt Socher, sei es auch schön, zu Hause zu sein.