Im zweiten Stock des Pfarrhauses von St. Ludwig beugen sich zwei Franziskaner über einen kleinen Taschenrechner und ermitteln ihr Durchschnittsalter. Bruder Damian tippt, Bruder Maximilian diktiert: "Ich bin 53, du wirst 50, Norbert ist 84 und Josef ist 77." Macht im Schnitt 66 Jahre.

"Die gute Nachricht ist", sagt Maximilian, "bei uns kann man noch richtig alt werden, hier nibbelt niemand mit 66 schon ab." Und weil es gerade so witzig zugeht, schiebt Maximilian noch hinterher, dass es in der bayerischen Provinz, aus der er komme, mal einen 100-jährigen Bruder gab, dem er spaßeshalber immer sagte, er versaue den Altersdurchschnitt. Mit 101 sei er dann gestorben. Der Altersdurchschnitt sank rapide. "So ein Hundertjähriger haut schon rein."

Es ist ein Montagmittag Ende Oktober, der eisige Wind drückt vor den Fenstern die Menschen in die vornehmen Häuser von Wilmersdorf, tief im Westen Berlins. Nur wer wie manche trinkenden Männer die Kälte nicht zu spüren scheint, verharrt auf dem Vorplatz der backsteinfarbenen St.-Ludwigs-Kirche. Hinter der Kirche toben vereinzelt Kinder auf dem Spielplatz. Das Pfarrhaus, in dem die vier verbliebenen Franziskaner von St. Ludwig wohnen, ist ein grauer Klotz, Behördencharme, tatsächlich war es früher einmal ein Altersheim. Irgendwie auch passend.

Seit ein paar Wochen wissen die Ordensbrüder in St. Ludwig: Sie werden die Letzten sein. Kein Nachwuchs in Sicht. Die Franziskaner geben ihre Arbeit in St. Ludwig auf. Und das stellt momentan die gesamte Gemeinde auf den Kopf, die sonst noch jede Krise der Kirche scheinbar entschieden von sich weisen konnte: Mehr als 1000 Gottesdienstbesucher pro Wochenende. Fünf gut besuchte Messen an jedem Sonntag. Besonders beliebt: Sonntag 12 Uhr, der "Gottesdienst für Ausgeschlafene". Diese Gemeinde lebt, und das kann man in Berlin schon mal betonen.

St. Ludwig ist so etwas wie der Hauptstadttreff der Katholiken. Wahlweise als "Promi-Gemeinde" oder "Diplomaten-Gemeinde" beschrieben. Mit Sicherheit aber ein katholischer Zufluchtsort in der atheistischen Hauptstadt.

An diesem Ort, so scheint es, werden momentan die ganz großen Fragen verhandelt: Wie kann Seelsorge in Gemeinden künftig noch aussehen? Wie steht es um das Ordensleben in Deutschland? Und wie viel Veränderung verkraftet ein ausgewachsenes Heimatbedürfnis?

1986 kamen die Franziskaner in St. Ludwig an. Ein katholischer Bettelorden im Berliner Wohlstandsschwamm. Ordensbrüder, die sich jeglichem Eigentum entsagen, in Gehorsam und Keuschheit leben, ausgerechnet dort, wo Berlin noch so richtig schön nach Wirtschaftswunder aussieht, im Zentrum des praktizierten Materialismus. Wo sich heute die Feinkostläden drängen, nur wenige Meter vom Ku’damm, wo man keine Schnäppchen bewerben muss, weil es einmal im Leben nicht um Schnäppchen geht.

Ein Gefühl dafür, wie reibungslos sich die Franziskaner in diesem Wilmersdorf einfanden, bekommt man durch Pater Urban, einem der ersten Ordensbrüder von St. Ludwig. Er verriet einer Reporterin der Berliner Morgenpost 2002, im Kuchel-Eck am Ludwigskirchplatz gebe es "das beste Eisbein der Stadt und einen Kaiserschmarren, nach dem man sich die Zunge leckt". Eisbein und Kaiserschmarren stehen bis heute auf der Karte im Kuchel-Eck. Und die Franziskaner wollen gehen?

Blickt man einmal länger in das kritische Gesicht von Pater Damian und fragt ihn nach den Gründen der Schließung des Klosters, kann von "wollen" erst einmal keine Rede sein. Damian lehnt sich zurück, er verschränkt die Arme vor dem Bauch. "Es gab ein provinzinternes Ranking aller Klöster und wir haben schnell gemerkt, dass wir es nicht unter die ersten zehn Häuser schaffen, die erhalten werden sollen. Dann war klar, wir sind bald dran." Die Franziskanerprovinz bat alle Klöster und Konvente, sich für ein Ranking zu verschiedenen Fragen zu äußern, letztlich ging es um die Zukunftsaussichten jedes einzelnen Hauses. St. Ludwig landete auf Platz 12 der insgesamt 30 franziskanischen Klöster und Konvente. Das hohe Alter der Brüder ist das Problem.