Pater Cornelius Bohl sagt dazu später: "Das war keine leichte Entscheidung. Wir werden nicht alle Häuser halten können. Wir werden radikal kleiner werden müssen."

Und so führt die Krise von St. Ludwig mitten in die bundesdeutsche Klosterkrise. Die Altersstruktur der anderen Orden gleicht der der Franziskaner. Spärlichen, aber immerhin Zulauf haben derzeit allenfalls die Laienorden. Ihre Mitglieder leben allein oder in der Familie, sie können Berufe ausüben. Das Beste aus zwei Welten: Bekenntnis und weltliches Amüsement.

Es scheint, als sei einzig das mediale Interesse an Mönchen und Nonnen ungebrochen. Anselm Grün, ein gern gesehener Talkshowgast. Um Himmels Willen, eine ARD-Serie, läuft in Staffel 18 und war mit sieben Millionen Zuschauern schon einmal meistgesehene Fernsehserie in Deutschland. Noch vor Mord mit Aussicht. Kloster verdrängt Angstlust. Als stiege das mediale Interesse an allem, was mit Mönchskutte und Klosterkultur zu tun hat, je weniger reales Klosterleben tatsächlich im Alltag erfahrbar ist. Der Rückzug aus der Welt ist heute allenfalls Teil der optimierten Urlaubsplanung.

"Lebenslanges Engagement erscheint heute schwieriger. Befristet ja, aber lebenslang? Bindungsscheu klingt so negativ", sagt Cornelius Bohl, "aber als Lebensform sind wir offenbar nicht mehr attraktiv genug." Pater Maximilian aus St. Ludwig war 19 Jahre alt, als er Franziskaner wurde. "Ich habe vorher nur Abitur und Führerschein gemacht. Mir hat diese Lebensform sofort gefallen." Auch Damian ging mit 19 Jahren ins Kloster: "Ausprobiert und hängen geblieben." Lebenswege wie diese werden selten. Klöster in der Stadt haben es noch schwerer, Nachwuchs zu erreichen. Großstädte wie Berlin bieten weltanschaulich alles von A bis Z. Das Angebot ist groß. Das macht es auch den Klöstern schwer, sichtbar zu sein.

Matthias Borchardt hat den Weg ins Kloster gefunden, in Berlin, und sagt, das Internet war dabei immerhin nicht hinderlich. Der 35-Jährige ist seit wenigen Wochen Postulant im Franziskanerkloster in Pankow. Ordensbruder in der Probezeit sozusagen. Jeden Tag steht er in der Suppenküche und schöpft Essen für bedürftige Menschen aus großen Töpfen. Er wirkt wie einer, der so schnell nicht verbittern könnte. Was brachte ihn ins Kloster? "Ich wollte nicht nur Komfortzone haben, Job, Geld, Familie. Ich war auf der Suche nach Sinn. Immer wenn ich Urlaub hatte, bin ich ins Kloster gegangen, wenn andere an die Ostsee oder nach Thailand gefahren sind, ging ich nach Fulda ins Kloster. Mich faszinierten die Franziskaner dort."

Diese Entscheidung habe sich in seinem Leben nicht angekündigt: "Davor habe ich ein ganz normales Leben geführt. Ich habe Kommunikationsdesign studiert, habe Apps entwickelt, eine Beziehung geführt." Nun ist er der mit Abstand jüngste in einer sechsköpfigen Gemeinschaft. "Das fällt mir ehrlich gesagt gar nicht so auf. Das Ordensleben hält frisch." In Pankow wäre Platz für vier weitere Postulanten, Matthias wohnt alleine auf einer Etage des Klosters. Er wird vorerst der Jüngste bleiben.

Wie erklärt sich Matthias den Nachwuchsmangel? "Wir brauchen Menschen im Orden, um zu zeigen, dass es geht." Das klingt nach einem Teufelskreis: Man kann nicht für etwas werben, das längst zu verschwinden scheint. Worauf es ankommt? Jetzt spricht wohl mehr der Kommunikationsdesigner als der künftige Bruder Matthias: "Das braucht PR! Man könnte die Lebensform auch als Marke betrachten und sie bewerben. Aber wer wirklich für ein Ordensleben geeignet ist, spürt einen inneren Auftrag, die Berufung. Wenn man einfach nur wirbt, kommen vielleicht auch Menschen, mit denen es schwierig wäre."

Viele in der Gemeinde verlieren durch diese Entscheidung ihre innere, seelische Heimat.
Monika Grütters (CDU), Gemeindemitglied und Kulturstaatsministerin

Eine Lösung könnten Schnuppertage sein, hat man sich bei der Ordensobernkonferenz, dem Dachverband der Orden in Deutschland, gedacht. Kloster in mundgerechten Portionen. Programme wie "Atem holen" oder ein freiwilliges Ordensjahr, "mitleben, mitbeten". Es ist Zuspruch und Skepsis unter den Geistlichen zu spüren. "Unsere Öffentlichkeitsarbeit darf keine billige Rekrutierung sein, es geht hier nicht um Marktanteile", sagt Provinzialminister Cornelius Bohl.

Doch der Sinnstiftungs-Sinnlichkeits-Markt boomt. Nur haben die Ordensgemeinschaften davon vermutlich weniger als die sogenannten "Kreativ-Einkäufer" von Edel-Vermarktern wie Manufactum. Vom Klosterbräu über Körperpflege und Klosterhandwerk – Klosterrelikte drängen längst in die Einkaufsläden und damit in den weltlichen Wahrnehmungshorizont, wenn sich damit ein Stück Naturverbundenheit, etwas Achtsamkeit in das sonst so entfremdete Leben einkaufen lässt. Besonders schillernde Beispiele: der "Mönchische Arbeitskittel" aus der Abtei Königsmünster im Sauerland für 88 Euro. "Auch für Nichtmönche sehr interessant, dachten wir uns", heißt es in der Manufactum-Abteilung "Gutes aus Klöstern". Dunkles Klosterbier aus den Klöstern Chimay und Orval im Südwesten Belgiens. Drei Flaschen für 18,80 Euro. Auch toll: die Ledersandalen aus dem französischen Benediktinerkloster Sainte-Marie de la Garde. 124 Euro.