Tut uns leid, keine "Times" – Seite 1

Niemand konnte ahnen, dass es so lange dauern würde, bis die Times zurückkehrt – fast ein ganzes Jahr, bis zum 13. November 1979. Am 30. November des Vorjahres hatte sich die Zeitung verabschiedet: Auf dem Titel winkte Ex-US-Präsident Richard Nixon, zu Besuch in Oxford, auf Seite 2 die damalige Oppositionsführerin der Tories, Margaret Thatcher. Danach wurde die Produktion der 1785 gegründeten Tageszeitung auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Dieser Produktionsstopp sei "unausweichlich", erfuhren die Leser im Leitartikel. Und der Times-Inhaber Kenneth Thomson, Präsident der Thomson Group, eines multinationalen Mischkonzerns, dem das Blatt gehörte, erinnerte in einem Beitrag daran, dass allein in den ersten elf Monaten des Jahres 13 Millionen Times-Exemplare weniger gedruckt wurden als geplant. "Es kann mit all den wilden Streiks, all den Produktionsblockaden unserer Zeitung nicht mehr weitergehen", schrieb er. Bereits im Frühjahr hatte das Management angekündigt, die Produktion zum 1. Dezember 1978 auszusetzen, sollten sich die diversen Druckergewerkschaften nicht dazu durchringen, ihre nach Ansicht der Geschäftsführung erpresserische Politik aufzugeben.

Auslöser des Konflikts war die Einführung eines computergestützten Druckverfahrens. Die Druckergewerkschaften lehnten die neue Technik kategorisch ab. Sie fürchteten Entlassungen. Der Verlag bot daraufhin an, die Einsparungen, die das Verfahren bringen würde, zu zwei Dritteln in Gehaltserhöhungen und die Ausweitung der betrieblichen Altersvorsorge der Belegschaft fließen zu lassen. Im Gegenzug sollten die Trade Unions eine Garantieerklärung abgeben, fortan für eine verlässliche Produktion des Blattes zu sorgen. Doch die beiden mitgliederstärksten Druckergewerkschaften NGA und Natsopa lehnten dankend ab. Man verhandele prinzipiell nicht, wenn Ultimaten gesetzt würden.

Der Streit war Teil eines massiven Machtkampfes zwischen Unternehmen und Gewerkschaften, der im Winter 1978/79 das gesamte Königreich erfasste. In Anlehnung an eine Shakespeare-Zeile sprach man bald vom Winter of Discontent, dem "Winter der Unzufriedenheit". 1,5 Millionen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes traten in den Ausstand. Schulen wurden geschlossen. Kliniken schickten Krebspatienten zum Sterben nach Hause. Ob Müllabfuhr, Zugverkehr, BBC-Techniker oder Leichenbestatter – kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens blieb verschont. Selbst im gewerkschaftsfreundlichen Guardian war vor der Parlamentswahl im Frühjahr 1979 zu lesen: "Die Regierung Callaghan scheint alles daranzusetzen, die kommende Unterhauswahl zu verlieren. Unter massiver Mithilfe der Gewerkschaften."

In Gestalt der Times verschwand in jenem Winter nicht nur eine der wichtigsten Zeitungen des Landes vom Kiosk, sondern auch ein Symbol der Britishness. Das Bild mag ein bisschen Staub angesetzt haben, aber noch heute gilt der distinguierte Herr mit der Times unterm Arm als Inbegriff des Gentlemans. Selbst das Unterhaus widmete sich am 30. November 1978 in einer Sondersitzung dem Produktionsstopp der Times. Doch es half alles nichts: Vom 1. Dezember 1978 an standen die Druckerpressen still. Der Gentleman war nackt.

Wer die Unerbittlichkeit britischer Arbeitskämpfe verstehen will, muss sich von der Vorstellung lösen, im Vereinigten Königreich seien Tarifkonflikte in den Siebzigerjahren ähnlich konstruktiv geregelt worden wie im Rheinischen Kapitalismus. Sozialpartnerschaft, Urabstimmungen, Friedenspflicht und Schlichtungsverhandlungen waren Fremdwörter, denn der Trades Disputes Act von 1906 verlieh den Gewerkschaften gegenüber Schadensersatzansprüchen wegen nicht eingehaltener Vertragsverpflichtungen Immunität. Zudem vertrat der gewerkschaftliche Dachverband, der Trades Union Congress, nicht weniger als 462 Einzelgewerkschaften, die bei Lohnverhandlungen in Konkurrenz zueinander standen. Die Druckergewerkschaften waren zusätzlich in sogenannten Kapellen organisiert, die als besonders militant galten.

In der Times-Druckerei trieb damals das berüchtigte overmanning besondere Blüten. So tauchten auf der payroll des Verlages die Namen etlicher fiktiver Angestellter auf. Die Gehälter dieser "Kollegen" wurden unter den tatsächlich an der Gray’s Inn Road Beschäftigten aufgeteilt. Außerdem weigerten sich die Times-Drucker nicht erst seit 1978, Artikel zu drucken, deren Inhalt ihnen politisch missfiel. "Unser Blatt wurde zum Schlachtfeld zwischen Pressefreiheit und Machtanmaßung der Druckergewerkschaften", erinnert sich William Rees-Mogg, Times-Herausgeber von 1967 bis 1981.

Die Streikwütigkeit der Unions, da sind sich die Historiker einig, zählt zu den wesentlichen Ursachen für den wirtschaftlichen Niedergang der ersten Industrienation der Welt während der Siebzigerjahre. Das Wall Street Journal titulierte Großbritannien 1975 gar als "kranken Mann Europas". Und schon 1965 hatte die von der sozialdemokratischen Regierung Wilson eingesetzte Donovan-Kommission vor den Folgen gewerkschaftlicher Übermacht gewarnt. Zwölf Jahre später, 1977, empfahl das ebenfalls von einem Labour-Kabinett beauftragte Bullock-Komitee, das bundesrepublikanische Mitbestimmungsmodell zu übernehmen.

Rabiate Sabotageaktionen und schier endlose Verhandlungen

Der englische Patient litt indes nicht nur unter den Ansprüchen der Unions. Die mangelnde Produktivität britischer Unternehmen war auch eine Folge von Managementfehlern und dem Erhalt maroder Staatsbetriebe. Zudem hat sich die Labour Party damals anders als die SPD noch nicht zu einer programmatischen Versöhnung von Arbeit und Kapital durchringen können. Ein britisches Pendant zum Godesberger Programm hätte vermutlich geholfen, den Tarifkonflikten ihre klassenkämpferische Schärfe zu nehmen.

Zeitungen in aller Welt, von der New York Times bis zur Neuen Zürcher Zeitung, bekundeten ihr Bedauern über den Produktionsstopp bei der Times. Das Verlagsmanagement, dem 56 gewerkschaftliche Verhandlungsparteien gegenübersaßen, versuchte unterdessen, die Unions stellvertretend für die Regierung zu zähmen: Zwei Wochen nach Beginn des Produktionsstopps kündigte die Geschäftsführung 3000 der 4300 Times-Angestellten. Weiterbeschäftigt wurden lediglich die Mitglieder der moderateren Druckergewerkschaften und sämtliche Redakteure. Viel zu tun hatten die allerdings nicht mehr. Die Verlagsführung organisierte Französisch- und Arabischkurse. Einige Redakteure wurden auf längere Recherchereisen geschickt, andere begannen, Bücher zu schreiben. Der damalige Times-Autor George Clark berichtet, dass ihn die erzwungene Beschäftigungslosigkeit in "tiefe Verzweiflung" gestürzt habe.

Zumal die Times-Journalisten in einer hochbrisanten Phase zum Schweigen verurteilt waren: Infolge des Streikwinters kam es am 3. Mai 1979 zum größten Umschwung bei einer Unterhauswahl seit 1945. Die Konservativen lösten Labour ab und stellten den neuen Regierungschef – eine Frau: Margaret Thatcher.

Wer allerdings geglaubt hatte, der Regierungswechsel werde die Druckergewerkschaften zum Einlenken bewegen, sah sich getäuscht. Zwar ging das erste Kabinett Thatcher in vielerlei Hinsicht brachial vor, in der Konfrontation mit den Unions aber griff es nicht zur Brechstange; dazu kam es erst im Lauf der Achtzigerjahre. Die "Eiserne Lady" näherte das Vereinigte Königreich dabei mit der Einführung tarifpolitischer Steuerungsmechanismen dem kontinentaleuropäischen Standard an. Zugleich kündigte sie den nationalen Nachkriegskonsens auf, indem sie das Ziel, für Vollbeschäftigung zu sorgen, aus ihrem Lastenheft strich. In ihrem Feldzug gegen die Gewerkschaften ging sie so weit, jegliche Idee gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit abzulehnen: "There is no such thing as society." Es gab für sie nur noch "individual men and women".

Der Produktionsstopp der Times kostete die Thompson-Gruppe derweil vier Millionen Pfund. Pro Monat. Der Versuch, zumindest eine wöchentliche Auslandsausgabe zu produzieren, in Frankfurt am Main, scheiterte im Frühjahr 1979 an rabiaten Sabotageaktionen, an denen sich unter anderem der hessische Landesverband der IG Druck und Papier beteiligte.

Die Verleger anderer Londoner Zeitungen, Guardian, Observer und Daily Telegraph, heuerten unterdessen entlassene Times-Drucker an, um Sonderseiten und Beilagen produzieren zu können. Der konservative australische Medienunternehmer Rupert Murdoch, der die Times 1981 kaufte und 1979 weder für sein Boulevardblatt Sun noch für News of the World von der Thomson Group geschasste Drucker anwarb, zog ein unmissverständliches Fazit: "Der Rest der Fleet Street hat sich 1979 wie eine Horde Arschlöcher benommen."

Der Kompromiss, der im November 1979 nach schier endlosen Verhandlungen doch noch gefunden wurde, beinhaltete greifbare Zugeständnisse des Verlagsmanagements (unter anderem Lohnerhöhungen) und eher vage Absichtsbekundungen der Gewerkschaftsseite, die Produktion der Zeitung künftig nicht mehr zu gefährden. Am 13. November 1979 schließlich war die Times wieder da.

Die Anzeigenkundschaft wusste die Rückkehr zu schätzen: Rolls-Royce, British Airways und die Hilton-Kette überboten sich in ihren Annoncen mit Wortspielen und Ehrerweisungen für das wirtschaftsfreundliche Blatt. Die Heineken-Brauerei platzierte auf Seite 5 der Comeback-Ausgabe eine Karikatur. Darauf war ein schelmisch grinsender Ehemann zu sehen, der sich endlich wieder hinter der raumgreifenden Times vor seiner Frau verstecken kann. Wenige Ausgaben später erschien die Zuschrift einer Leserin aus Chiswick: "Heute hat mein Mann zum ersten Mal seit dem 30. November 1978 beim Frühstück wieder gelächelt. Zweifellos das Verdienst Ihrer Zeitung." Vor allem aber war der Londoner Gentleman nun wieder korrekt gekleidet.

Der Autor ist Historiker und wurde mit einer Arbeit über die Ära Thatcher promoviert.

Korrekturhinweis: Die London Times ist nicht die älteste Tageszeitung der Welt, wie es ursprünglich in diesem Text hieß. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion