Bon voyage mit Bach und Berry – Seite 1

Rekorde können sehr einsam wirken. Und die Rekorde dieser beiden Raumsonden stehen für die ultimative Einsamkeit: Die erste ist das am weitesten von der Erde entfernte menschengemachte Objekt. Die zweite hält den Rekord für die am längsten währende Weltraum-Mission. Unmengen wissenschaftlicher Erkenntnisse haben sie erzeugt und ein ikonisches Erd-Selfie. Es geht um den Flug der Voyager-Sonden in die Einsamkeit des Alls.

Anfang der Woche veröffentlichten Forscher in der Fachzeitschrift Nature Astronomy nicht weniger als fünf Aufsätze, in denen sie Zahlen interpretierten, welche die Sonde Voyager 2 vor ziemlich genau einem Jahr zur Erde gefunkt hatte. Die Messwerte, die ihre Sensoren damals aufgezeichnet haben, sind ein Leckerbissen für die Fachleute. Für Nicht-Astrophysiker reicht es wohl zu sagen, dass die Sonde im November 2018 endgültig unser Sonnensystem verlassen hat. Seitdem durchmisst sie den sogenannten interstellaren Raum, jene große Leere, von der das All so voll ist.

Als ihre Schwestersonde Voyager 1 im Jahr 2012 diese Grenze überschritt, tat sie das mit defektem Detektor für die zentrale physikalische Größe. Ihr Plasma-Messinstrument war bereits im Jahr 1980 beschädigt worden. Und da nun einmal die Zusammensetzung des Gemischs geladener Teilchen (das meinen Physiker, wenn sie "Plasma" sagen) den Unterschied zwischen Drinnen und Draußen markiert, verließ Voyager 1 sozusagen das Sonnensystem, ohne die physikalischen Feinheiten zu protokollieren. Und die Wissenschaftler im Bodenkontrollzentrum im südkalifornischen Pasadena mussten hoffen: zweite Voyager-Sonde, zweiter Versuch.

Der ist nun geglückt. Und dafür war eine ganze Reihe von Glücksfällen, irdischen wie himmlischen, vonnöten. Man kann sie nicht Revue passieren lassen, ohne im Voyager-Programm ein großes Erbe der Menschheit zu erkennen, ja ein Gesamtkunstwerk.

In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – Mondlandung und Woodstock standen noch bevor – berechneten Raumfahrtingenieure, dass Ende der Siebzigerjahre die Riesenplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun so zueinander stehen würden, dass ein Raumschiff mit einer einzigen eleganten Spiralbewegung von der Erde aus an ihnen vorbeifliegen könnte. Die Anziehungskraft des einen Giganten würde es zum jeweils nächsten schleudern. Gravity assist heißt so ein Manöver im Raumfahrtjargon. Und diese spezielle Konstellation tritt nur alle 176 Jahre auf. Was für eine Gelegenheit!

Es gehört zur Ironie der Raumfahrtgeschichte, dass US-Präsident Richard Nixon die hochfliegenden Pläne gefährdete, indem er dem kostspieligen Spaceshuttle-Programm grünes Licht gab und zugleich das Nasa-Budget zusammenstrich, um zu sparen. Von einer "Grand Tour", einer großen Rundreise, zu allen äußeren Planeten (die waren kaum erforscht, Uranus und Neptun noch gänzlich unbesucht) sprachen die Planer fortan nicht mehr. In Washington wurde das Voyager-Programm Anfang der Siebzigerjahre offiziell als fünf Jahre kurzer Trip zu Jupiter und Saturn verkauft – ein historischer Etikettenschwindel.

Denn das Design der Sonden war auf ein Vielfaches dieser Zeitspanne ausgelegt. Den Ingenieuren war die einmalige Planetenkonstellation bewusst. So entstanden Raumschiffe mit Batterien, in denen aus dem radioaktiven Zerfall von Plutonium-238 Wärme und aus dieser Elektrizität erzeugt werden konnte, und zwar für sehr, sehr lange Zeit. Zwei Raumschiffe mit den charakteristischen leistungsstarken Parabolantennen in ihrem Zentrum. Zwei Raumschiffe mit Bordcomputern, die man aus der Ferne umprogrammieren konnte. Diese zwei Sonden waren nicht für die Ära Nixon gemacht, sondern auf Jahrzehnte ausgelegt, und inzwischen sieht es so aus, als könnten sie länger im Dienst bleiben als Donald Trump.

Zu messen gibt es jetzt fast nichts mehr

Seit nunmehr 42 Jahren rasen die Sonden auf unterschiedlichen Bahnen von der Erde weg. Sie entfernen sich dabei nicht nur voneinander, sondern auch von allem, was die Leere unterbricht. Nachdem vor gut 30 Jahren, Ende August 1989, Voyager 2 am Neptun vorbeigeflogen war, Nahaufnahmen gemacht und sechs bis dahin unbekannte Monde entdeckt hatte (Despina, Galatea, Larissa, Proteus, Naiad und Thalassa), schalteten die Ingenieure ihr per Funksignal die Kameras ab. Lakonische Begründung: "Das Raumschiff wird niemals wieder nahe genug an einem astronomischen Objekt vorbeifliegen, um Fotos aufnehmen zu können."

1990 sollte aus demselben Grund auch Voyager 1 erblinden. Vorher setzte sich jedoch der Astronom Carl Sagan mit einer letzten Fotoidee durch: die Kameras der Sonde dorthin zu richten, von wo sie gekommen war. Sechs Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt nahm Voyager 1 am 14. Februar 1990 das Solar System Family Portrait auf, ein Familienbild des Sonnensystems, die erste Fotoserie in der Geschichte, die Venus, Erde, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun vereint. Die Erde taucht dabei als winziger hellblauer Punkt in einem Strahl gestreuten Sonnenlichts auf. Als Sagan das Bild im Fernsehen der Öffentlichkeit präsentierte, sprach er vom "pale blue dot", dem blassblauen Punkt.

Sagan – der auch als Moderator der Wissenschaftssendung Unser Kosmos berühmt werden und die Romanvorlage für den Kinofilm Contact mit Jodie Foster schreiben sollte – ist jene Figur, die aus der großen Forschungsrundreise großen Pop gemacht hat. Unter seiner Leitung entstand die Voyager Golden Record, auch sie ein einsames Extrem: je eine an den Außenhüllen der beiden Sonden. Dank des Goldüberzugs werden die Gravuren in ihren Kupferscheiben für eine unvorstellbare Millionenjahreszahl erhalten bleiben – aller Plausibilität nach viel, viel länger als die Zivilisation, die sie hervorbrachte. Und die sie repräsentieren sollen mit codierten Fotos von der Erde, mit Begrüßungen in 55 Sprachen, mit Geräuschen von Natur und Technik und mit Musik: anderthalb Stunden inklusive Bach und Beethoven, Pygmäengesängen, Panflötenklängen und Liedern von Aborigenes – ein Sampler der Menschheit sollte es sein, und so war trotz der Siebzigerjahrehaftigkeit des Projekts nur Platz für einen einzigen Rock-’n’-Roll-Track, Johnny B. Goode von Chuck Berry (die Beatles hatten abgelehnt). Dass dieses metallene Dokument der Selbstdarstellung nebst Tonabnehmer durch ein kosmisches Vakuum reist, in dem sich keine Klangwelle ausbreiten kann, nimmt dem Symbolgehalt nichts. Da hat gerade nicht nur ein Plasmasensor das Sonnensystem verlassen, auch Johann Sebastian Bach fliegt in die stille Leere.

Zu messen gibt es da jetzt fast nichts mehr: ein paar geladene Teilchen, ein bisschen Magnetfeld. Diese Leere verwandeln die Ingenieure in Zeit. Sie schalten verzichtbare Messinstrumente ab, stellen Heizelemente aus, setzen sparsamere Düsen ein, wenn die runden Antennen zur Erde ausgerichtet werden. Alles, um Energie zu sparen und damit die Funktionsdauer der Sonden zu strecken. Im Juli haben sie ihren Plan vorgestellt, "um die ältesten Entdecker der Nasa am Laufen zu halten" – ohne ein Ziel in der endlosen Leere, außer dem einen, möglichst lange weiter zu messen und zu funken. Kein Ende in Sicht, oder: noch nicht.

Korrekturhinweis vom 6. November 2019: Wir haben tatsächlich Millionen und Milliarden verwechselt. Im Text steht jetzt eine Entfernungsangabe von sechs Milliarden Kilometer. Das ist richtig! Die Redaktion.