Eine innere Haltung! Für die ich öffentlich eintrete und Risiken in Kauf nehme.

DIE ZEIT: Herr Bischof, wir Deutschen feiern diese Woche nicht nur den Mauerfall, sondern auch den Sieg ostdeutscher Pfarrer über den vormundschaftlichen Staat. Sie selbst sind in Freiheit aufgewachsen, im Westen. Waren Sie schon mal in einer Lage, die Ihnen Widerstand abverlangte?

Wolfgang Huber: Wenn das Kriterium für widerständiges Handeln ist, dass man einen gewissen Mut aufbringen muss: ja. Als es 1999 im Kosovo-Krieg um das Eingreifen der Nato ging, da musste ich meinen inneren Widerstand überwinden, um etwas Unbequemes zu sagen, etwas, das von einem deutschen Bischof absolut nicht erwartet wurde, nämlich: Dieser Militäreinsatz ist richtig, weil anders das Gemetzel nicht beendet werden kann.

ZEIT: Warum erforderte das Mut?

Huber: Weil es seit 1949 das erste Mal war, dass ein Vertreter der evangelischen Kirche in Deutschland eine Militärintervention bejahte. Und weil ich selber sozialisiert wurde mit der Parole "Nie wieder Krieg", die 1948 vom Ökumenischen Rat der Kirchen ausgegeben wurde. Bis zum heutigen Tag will eine große Mehrheit der Deutschen keine Auslandseinsätze der Bundeswehr.

ZEIT: Darin wurden die Deutschen noch bestärkt von den 89er Pfarrern, die die Erfahrung einbrachten, dass man mit dem Wort "Keine Gewalt" nahezu alles bewirken kann: eine Wiedervereinigung, einen grundstürzenden Wandel der Weltpolitik, ein Ende des Kalten Krieges. Wollen Sie sagen, dass das letztlich doch ein Irrtum war?

Huber: Ja und nein. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts heimsten wir tatsächlich eine große Friedensdividende ein. Gerade die evangelische Kirche war nach 1989 überzeugt, das uralte Problem, wie man Frieden macht, auf wundersame Weise gelöst zu haben. Doch friedensethisch war sie nicht vorbereitet auf eine Wiederkehr des Krieges und was zu tun ist, wenn andere Gewalt erleiden. Das betraf Ruanda, wo die UN 1994 nicht zu verhindern wussten, dass innerhalb von nur 100 Tagen eine Million Menschen ermordet wurden. Das betraf das Kosovo, wo die Nato 1999 sehr spät einschritt. Das betrifft nun Nordsyrien, wo eine militärisch gesicherte Schutzzone für Flüchtlinge dringend diskutiert werden muss – und zwar nicht als Testballon für eine innenpolitische Debatte, sondern im ernsthaften Bemühen um eine gemeinsame europäische Position.

ZEIT: Wie bringen Sie die 1989er-Friedensoption und das 2019er-Kriegsproblem zusammen?

Huber: Der Pazifist aus Prinzip, der für sich auf jede Gewalt verzichtet, muss wissen, dass seine Position nicht verallgemeinert werden kann. Niemand hat das Recht, seinen eigenen Pazifismus als Argument zu benutzen, um anderen Menschen den Schutz vor Gewalt zu verweigern. Wer im Falle einer Bedrohung konsequent auf Gegenwehr verzichtet, darf dies nur für sich selber postulieren. Aber wer mit militärischen Mitteln Frieden machen will, der muss begründete Hoffnung haben, dass diese Mittel auch wirken.

ZEIT: Wir sprechen mit Ihnen auch deshalb über gewaltfreien Widerstand und die Pflicht zum gewaltsamen Einschreiten, weil Sie dieses Jahr ein Buch über Dietrich Bonhoeffer veröffentlicht haben. Der Theologe, der schon 1933 die Juden gegen den "Arierparagraphen" verteidigte und später den Tyrannenmord rechtfertigte, wurde kurz vor Kriegsende auf Befehl Hitlers erhängt – am selben Tag wie sein Schwager Hans von Dohnanyi. Heute ist er eine Ikone widerständigen Denkens. Können wir, die in ungleich friedlicheren Zeiten leben, überhaupt von ihm lernen?

Huber: Aber ja! Erstens, dass Widerstand eine innere Haltung ist. Sie setzt voraus, dass ich bereit bin, zu dem zu stehen, was ich als wichtig erkannt habe. Dass ich auch öffentlich dafür eintrete. Und dass ich bereit bin, Risiken in Kauf zu nehmen.

ZEIT: Bitte ein Beispiel.

Huber: Zunächst ein dramatisches aus Südafrika, wo das Einstehen für die eigenen Überzeugungen in den Achtzigerjahren noch lebensgefährlich war. In der Endphase der Apartheid besuchte ich dort einen befreundeten deutschen Theologen und war dabei, als die Polizei ihm auflauerte, um ihn festzunehmen. Wolfram Kistner war Leiter der Abteilung für Gerechtigkeit und Versöhnung des Südafrikanischen Kirchenrates, ein absolut friedfertiger Mensch, der jedoch stets damit rechnete, im Gefängnis zu landen. Wir hatten uns bei einer Konferenz getroffen und waren unterwegs in die Berge, zum Haus seiner Schwester – wo uns die Militärpolizei erwartete. Ich konnte nichts tun, außer einen Koffer mit Konferenzpapieren, die ihn noch mehr belastet hätten, an mich zu nehmen, um ihn in die Speisekammer zu stellen. Kistner wurde dann mit Verbrechern zusammengesperrt, die Wasser auf seine Matratze gossen, sodass er eine Lungenentzündung bekam. Zum Glück konnten wir in Deutschland mithilfe des Auswärtigen Amtes so viel Druck erzeugen, dass er freikam.