Die Ergebnisse waren – kleiner Wortwitz – nicht gerade berauschend. Was auch erwartet wurde. Schließlich ging es bei einem redaktionsinternen Test darum, ob alkoholfreie Alternativen zu Gin, Whisky und Rum ihre hochprozentigen Vorbilder ersetzen können. Geschmacklich. Nicht von der Wirkung her.

Menschen verzichten derzeit ohnehin gern auf dies oder das. Manche auf Fleisch, andere auf Plastik oder Flugreisen, Einzelne sogar angeblich auf Nachwuchs (des Klimas wegen, lange Geschichte). Oft ersetzen sie jedoch, was sie sich verwehren, durch etwas anderes: Fleisch durch Soja, Flüge durch Zugreisen, das Kind durch den Hund. Doch obwohl ihre Erfahrungsberichte ungezählte Artikel und Blogbeiträge umfassen, fehlt darin oft eine Produktkategorie, deren Ersatz perfekt zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil passt: harte Alkoholika.

Verglichen mit alkoholfreiem Bier, das in keinem Supermarkt fehlt, sind Ersatz-Schnäpse ohne Alkohol hierzulande zwar noch rarer als alles, was Hersteller als Single-Barrel-Spezialedition aus der private reserve holzbeiniger Piratenkapitäne verkaufen. Aber bei einigen Online-Händlern kann man sie ordern. Und damit beginnt der Versuch: mit der Bestellung je einer Flasche Seedlip Spice 94 ("Alternative zu Gin", 27,49 Euro), Whissin ("Alternative zu Whisky", 6,29 Euro) und Ronsin ("Alternative zu Rum", 6,49 Euro).

Anders als alkoholfreies Pils, das auch "alkoholfreies Pils" heißen darf, dürfen alkoholfreie Spirituosen wegen einer EU-Verordnung nicht so genannt werden. Optisch erinnern die Ohne-Schnäpse dennoch eindeutig an die hochprozentigen Klassiker. Das bestätigt das Unboxing der Lieferung:

Der Seedlip, klar wie Wasser, kommt in einer ebenso klaren, dicken und nahezu halslosen Glasflasche. Very Hipster-Gin-like: Das helle Etikett schmücken Kräuter, Blätter und Blüten. Sie sind so angeordnet, dass sie an einen Fuchs erinnern.

Bei diesem Getränk handelt es sich nicht um Gin: Seedlip Spice 94. © Norman Hoppenheit für DIE ZEIT

Die Flasche Whissin ist tiefgrün, groß und schlank und wirkt mit ihrem langen Hals eher wie irischer Whiskey. Das schwarze Etikett, konservativ, mit weißer und goldener Schrift und einem Wappen darauf, verrät allerdings eine spanische Herkunft.

Ronsin, ebenfalls aus Spanien, schwappt hellbraun in einer klaren Flasche. Das Etikett ist weiß mit einer markanten schwarzen Ecke rechts unten. Wer kurzsichtig ist und seine Brille vergessen hat, dürfte das beim flüchtigen Blick mit Rum assoziieren.

Belastbare Zahlen zu alkoholfreien spirits sind knapp. Der Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie hält das Phänomen für "sehr marginal". In Großbritannien hingegen werden immer mal wieder solche Drinks erfunden. So wie Seedlip: Ben Branson gründete das Unternehmen 2014 auf einer Farm unweit von London. Dabei half ihm das Buch The Art of Destillation von 1651, das seither vergessene Methoden beschreibt, in Kupferkesseln alkoholfreie Heilmittel aus Kräutern herzustellen. Mit diesem Wissen, erzählte Branson, habe er "eine neue Kategorie von alkoholfreien Drinks" schaffen können. Seit drei Monaten gehört Seedlip mehrheitlich zu Diageo, einem der größten Spirituosenhersteller der Welt, der unter anderem Johnnie Walker und Smirnoff verkauft. Die hübsche Geschichte vom englischen Schnapsrebellen mit dem Kupferkessel endet damit zumindest vorläufig im Markenportfolio eines börsennotierten Riesenkonzerns.