© Illustration: Pia Bublies für DIE ZEIT

Wolfgang Retter wendet sein Auto. "Immer fluchtbereit parken", sagt er und lacht, "alter Naturschützerreflex." Der 81-Jährige steht am Ufer der Isel in Osttirol, ein leichter Regen tropft auf seine Kapuze. Retter schaut auf die weitläufige Uferlandschaft: Der Fluss hat Platz, er teilt und findet sich immer wieder, dazwischen liegen kleine Inseln, und zwischen den Steinen am Ufer wachsen so viele Tamarisken, dass man sie für wucherndes Unkraut halten könnte. Dabei ist die Pflanzenart vom Aussterben bedroht, in ganz Europa. Die Isel, heißt es, sei einer der letzten Gletscherflüsse der Alpen, die ungebändigt fließen können. Dass dem so ist, ist auch ein Verdienst von Wolfgang Retter.

Nur auf 14 Prozent oder 8522 Kilometern fließen die Alpenflüsse frei wie die Isel und sind ökologisch in einem, wie Fachleute sagen, "sehr guten" Zustand. Für diesen geringen Anteil sind auch die vielen Querbauten verantwortlich: Schleusen, Hochwasserschutzanlagen oder eben Kraftwerke, die das Gefälle nutzen, das in den Alpen für die Stromgewinnung besonders attraktiv ist. Für die Tiere hingegen, besonders die zum Laichen flussaufwärts wandernden Fische, sind sie oft unüberwindbare Barrieren.

Rund 60 Prozent des Stroms, der in Österreich und der Schweiz produziert wird, stammt aus Wasserkraft. In den kommenden Jahren soll dieser Anteil weiter steigen: wenn in der Schweiz die Atomkraftwerke eins ums andere abgeschaltet werden, das erste am 20. Dezember, und wenn Österreich nach und nach aus der fossilen Energie aussteigt. Nicht nur Deutschland, auch die beiden Alpenländer proben die Energiewende.

Zurzeit sind etliche Ausbauprojekte geplant oder bereits in der Umsetzung: Mal werden alte Kraftwerke modernisiert und damit effizienter. Mal werden neue gebaut, mal bestehende erweitert.

Dass Wasserkraft zwar das Prädikat "erneuerbar" trägt, aber nur selten tatsächlich auch eine ökologische Art der Stromproduktion ist, darüber redet in der Diskussion um die Energiewende niemand gerne.

Statistisch gesehen, leben die Fische in den Alpenflüssen nicht in Flüssen, sondern in langen Aquarien. In Österreich hat ein Barsch einen Lebensraum von etwas mehr als einem Kilometer, weil es auf den 32.000 Flusskilometern fast 29.000 unüberwindbare Hindernisse gibt. In der Schweiz gibt es sogar über 100.000 Verbauungen.

Diese Probleme beschäftigen längst nicht nur Fischereivereine und Naturliebhaber, sondern auch die Europäische Union. Im Fall von Österreich heißt das, dass gerade mal 40 Prozent der Fließgewässer die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinien erfüllen. Das sagte Umweltministerin Maria Patek Anfang September im Wiener Parlament. Die Hauptursachen seien "Eingriffe in die Abflussverhältnisse und Gewässerstrukturen". Das Ziel, bis 2027 alle Gewässer in einen ökologisch guten Zustand zu versetzen, wird verfehlt werden, "der hierfür notwendige Zeitbedarf wurde unterschätzt", sagte die Ministerin.

In der Schweiz, dem Nicht-EU-Mitglied, verlangt das Gewässerschutzgesetz, dass alle Hindernisse, welche die Fische beeinträchtigen, bis 2030 entschärft werden; die Fische sollen sie über Treppen oder Umgehungskanäle überwinden können. Um die 1000 betroffenen Wasserkraftwerke zu sanieren, dürfte nicht, wie ursprünglich veranschlagt, 0,9 sondern bis zu 4,5 Milliarden Euro notwendig sein. Woher das Geld kommt, ist derzeit unklar.

Zurück an die Isel. Auch dort gab es große Verbauungspläne. 1965 und 1966 geschah das statistisch Unwahrscheinliche: zwei Jahrhunderthochwasser in zwei Jahren. Wolfgang Retter erinnert sich daran, er war damals ein junger Lehrer und hatte kurz vor dem ersten Hochwasser mit seinen Schülern neben dem Fluss campiert. Nach der Flut war der Talboden verwüstet, Menschen starben, Gebäude versanken. Man erwog, die Siedlungen aufzugeben, entschied sich dann aber für eine andere Lösung. Der Fluss sollte mehr Raum erhalten: Es wurden neun sogenannte Ausschotterungsbecken angelegt, jedes von ihnen fast zweieinhalb Kilometer lang und dazu da, Hochwasser, Gestein und Holz aufzufangen. Gleichzeitig dienen sie Tieren wie dem Flussuferläufer, die anderswo selten geworden sind, als Lebensraum.

Auch Kraftwerkspläne gab es. Und immer wieder führte Wolfgang Retter den Widerstand an. Er lieferte sich Kämpfe mit Dorfkaisern. Absurde Gerüchte kamen in Umlauf, Retter würde vom libyschen Despoten Muammar al-Gaddafi finanziert, damit dieser weiter sein Öl nach Österreich verkaufen könne. Es gab Drohungen, man würde Retter in den Fluss werfen. "Meine Frau hat mich dann nur noch ungern allein rausgelassen", sagt er.