Angst – Seite 1

Frage: Herr Biess, Sie haben sich als Historiker mit der deutschen Angst vor der Apokalypse beschäftigt. Sind wir anfälliger für Weltuntergangsfantasien als andere Gesellschaften?

Frank Biess: Sagen wir so: Die Geschichte der Bundesrepublik ist immer eine Geschichte der Kollektivängste und der "ausgebliebenen Katastrophen" gewesen, wie der Politologe Hans-Peter Schwarz schrieb. Die Geschichte der Bundesrepublik verlief nicht linear, sondern in Angstzyklen. Zu Beginn der Bundesrepublik etwa regierte die emotionale Antiintensität. Der Nationalsozialismus galt als außer Kontrolle geratenes Gefühl. Aus Angst, die Vergangenheit könnte sich wiederholen, versuchte man Emotionen aus der Politik weitestgehend herauszuhalten. Damit vereinfachte man den Nationalsozialismus indirekt zur kollektiven Verirrung, hinter der die individuelle Verantwortung verschwand und verschwinden sollte. Genau das wurde dann später zum Problem.

Frage: Sie meinen mit der 68er-Bewegung.

Biess: Ja, aber nicht nur. Nehmen Sie den Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau. Das war ein ikonischer Moment. Er markiert vielleicht mehr noch als die Studentenbewegung den Bruch mit dem Mantra der Politik als emotionsbefreiter Zone. Waren Gefühle im politischen Kontext zuvor weitestgehend verpönt, machten soziale Bewegungen wie die Friedens- und Umweltbewegung die ganz persönliche Angst vor dem Atomtod oder dem Waldsterben zu einem politischen Faktor, der wie im Falle der Friedensbewegung in der Lage war, Hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen.

Frage: Vor einigen Wochen demonstrierten über eine Million Menschen in Deutschland, um vor den Gefahren des Klimawandels zu warnen. Inwieweit lässt sich die Fridays-for-Future-Bewegung in die Geschichte der deutschen Angst integrieren?

Biess: Die expressive Gefühlskultur verbindet die aktuelle Klimabewegung mit den sozialen Bewegungen der Achtzigerjahre. Die Performanz der eigenen Emotion verstärkt hier wie dort das politische Argument und imprägniert es gegen Anfeindungen und Kritik. Dabei gilt: Auch wenn sie irrational und impulsiv erscheint, ist Angst subjektiv immer real. Deswegen muss die Politik ihr auch auf der Gefühlsebene begegnen. Dabei ist Angst nicht immer falsch oder irrational, sie kann sowohl die Demokratie stabilisieren wie auch systemgefährdend wirken.

Frage: Man könnte meinen, Sie reden über die AfD. Da heißt es immer: Man muss die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nehmen, selbst wenn sie gegen Flüchtlinge sind.

Biess: In der Demonstration der eigenen Existenzangst sind sich die Klima- und die Pegida-Bewegung ähnlich. Auch sind beides transnationale, entterritorialisierte Ängste, die sich nicht an einem bestimmten Ort lokalisieren lassen. Daher verbindet beide die Skepsis gegenüber der Handlungsfähigkeit und -willigkeit des souveränen Nationalstaates, der alleine nicht mehr in der Lage ist, diese Probleme zu meistern. Nur – und das ist ein entscheidender Unterschied – bricht sich im Falle von AfD und Pegida die eher diffuse Angst vor Veränderung und sozialem Abstieg Bahn in der Stigmatisierung einer Minderheit. Da ist dann auch der Weg zur Gewalt oft nicht mehr weit, wie wir ja gerade erst wieder in Halle gesehen haben. Die Klimabewegung kommt weitgehend ohne solche Sündenböcke aus.

Frage: Von SUV-Fahrern abgesehen.

Biess: Es ist aber ein kategorialer Unterschied, ob man gewisse Lebensstile aus guten Gründen kritisiert oder ob man den Hass aufs Fremde pflegt aus dem Gefühl persönlicher Vernachlässigung heraus.

Frage: Welche Unterschiede gibt’s noch?

Biess: Die Angst vor den Flüchtlingen ist eher klassisch: Man imaginiert eine deutlich sichtbare Bedrohung von außen, die die strukturellen Veränderungen der Globalisierung symbolisiert. Der Status quo, die traditionelle Lebensweise, wird also verteidigt. Die Klimabewegung dagegen imaginiert eine "Katastrophe ohne Ereignis", wie das die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn nennt. Dabei wird der Status quo selbst zur Bedrohung. Wenn wir weiterleben wie bisher, heißt es da, gehen wir unter.

Frage: Die Kritiker der Bewegung sprechen von Klimahysterie und machen Greta Thunberg den Vorwurf, sie sei eine Demagogin und würde den Menschen mit ihrem Satz "I want you to panic" die Angst erst einreden.

Biess: Die Kritiker versuchen sie als irrational und hysterisch hinzustellen. Auch das hat eine lange Tradition, vor allem in Hinblick auf Frauen. So versucht man Greta Thunberg und das Anliegen, für das sie steht, zu marginalisieren. Man fürchtet sich vor dem Gedanken, dass sie recht haben könnte. Und das nicht ohne Grund: Schließlich liegt dem Argument von Fridays for Future gerade kein Ressentiment oder Kränkungsgefühl zugrunde. Es fußt auf wissenschaftlicher Erkenntnis und den nicht gehaltenen politischen Versprechungen der Vergangenheit. Dieses Argument wirkt verstärkt durch die Emotionalität einer neuen politischen Jugendkultur, deren Existenz und Schlagkraft bis vor Kurzem noch kaum einer für möglich hielt.

Frage: Aber ist es nicht trotzdem problematisch, den Menschen Angst zu machen?

Biess: Die Angst war schon vor Greta Thunberg in der Welt. Sie gibt dieser Angst nur eine Stimme und eine Richtung. Davon abgesehen glaube ich nicht an den Gegensatz zwischen Gefühl und Vernunft. Die Emotionsforschung belegt, dass Gefühle und rationales Handeln sich nicht ausschließen. Gefühle leiten unsere Wahrnehmung auf das, was uns wichtig ist. Insoweit sind sie auch in der Politik ein legitimes Mittel.

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Frage: Panik motiviert aber nicht. Sie lähmt.

Biess: Panik ist ein emotionaler Ausnahmezustand, der sich nur eine begrenzte Zeit aufrechterhalten lässt. Dauerhaft führt das zur Abstumpfung und zur Angstlust. Dann konsumiert man die Katastrophennachrichten wie ein Hypochonder die Krankengeschichten in der Klatschpresse, man geht auf Distanz, tut so, als hätte das Ganze nichts mit einem persönlich zu tun, und lebt sein Leben weiter wie bisher. Um das zu verhindern, muss man die Angst kanalisieren und operationalisieren.

Frage: Das klingt sehr technisch. Wo bleibt da die Hoffnung?

Biess: Jede apokalyptische Imagination braucht die Vorstellung einer besseren Welt. Ohne Heilsbotschaft kann aus kollektiver Angst keine politische Bewegung werden. Im Falle der Klimabewegung liegt die Heilsbotschaft im Ideal einer Welt, die unsere Lebensgrundlagen nicht zerstört. Verkörpert wird dies durch die Person Greta Thunberg. Ihre Anhänger schreiben ihr wegen ihres Alters, ihrer kindlichen Unschuld, beinahe prophetische Gaben zu.

"Zorn und Angst sind eng verwandt"

Frage: Und wegen ihres heiligen Zorns. Allerdings wurde sie für ihr Wüten bei der UN-Klimakonferenz in New York diesmal auch erstaunlich heftig kritisiert.

Biess: Ihr Ton ist nicht der eines Politikers. Das befremdet manche. Zorn und Angst lassen sich nicht immer eindeutig trennen und sind eng verwandt. Zorn ist auch ein Gefühl, das mehr Handlungsfähigkeit suggeriert. Und momentan ist es ja so, dass gerade Männer auf der Rechten ebenfalls das Recht für sich reklamieren, ihren Zorn ungefiltert zu artikulieren. Donald Trump ist das beste Beispiel. Vielleicht sollten Gretas Gegner daher weniger empfindlich reagieren.

Frage: Warum ist die Angst vor dem Weltuntergang bei der Jugend eigentlich besonders häufig anzutreffen? Ist es die persönliche Betroffenheit, weil sie mit den Folgen des Klimawandels am längsten zu leben hat?

Biess: Sicher auch. Ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Junge Menschen sind vielleicht auch besser in der Lage, ihre Gefühle zu zeigen. Schon die Studentenbewegung hat die Rationalität und Nüchternheit der Elterngeneration kritisiert.

Frage: Auch die Friedensbewegung begann als Jugendkultur.

Biess: Ja. Zudem gehen beide Bewegungen davon aus, dass Furcht im Angesicht der existenziellen Bedrohung die einzig rationale Haltung ist. Und beide Bewegungen zeigen, wie mobilisierend diese Furcht wirken kann. Im Gegensatz dazu wirkte die aus Erfahrung gespeiste Hoffnung der Erwachsenen, es sei noch nie so schlimm gekommen wie befürchtet, irrational und fahrlässig. Entsprechend dichtete die Friedensbewegung 1981 das "Fürchte dich nicht!"-Motto des Evangelischen Kirchentags in Hamburg auch um und strich das "nicht" auf ihren Plakaten einfach durch. Das schien der Lage angemessener.

Frage: Musste das sein? Schließlich wäre die Friedensbewegung ohne die Kirchen nie zur größten sozialen Bewegung der bundesrepublikanischen Geschichte geworden.

Biess: Absolut. Die Kirchen waren einer der wichtigsten Faktoren der Mobilisierung. Erst als die Friedensbewegung für die großen gesellschaftlichen Institutionen anschlussfähig wurde, bekam ihr Protest ein politisches Gewicht, das nicht ignoriert werden konnte. Vor genau dieser Herausforderung steht nun die Klimabewegung.

Frage: Sie muss die Kirchen erobern?

Biess: Sie muss die gesellschaftliche Mitte für sich gewinnen. Nur so erringt man Mehrheiten. In den vergangenen 30 Jahren haben die Kirchen an gesellschaftlicher Prägekraft verloren. Um alle Gesellschaftsschichten zu erreichen, können die Kirchen aber nach wie vor ein wichtiger Partner sein.

Frage: Dafür müsste die Fridays-for-Future-Bewegung aber dann begreifen, dass sie nicht einmalig ist, sondern in einer Tradition des sozialen Protests steht. Sie müsste aus den Fehlern und Erfolgen ihrer Vorgänger lernen.

Biess: Lernen schadet nie. Nur darf man bei allen Ähnlichkeiten nicht vergessen: Man kann die Klimabewegung und die ihr zugrunde liegende Angst nicht messen an den Maßstäben der Vergangenheit. Um das zu erkennen, reicht es, sie im bundesrepublikanischen Kontext zu betrachten. Über Jahrzehnte waren Kollektivängste gebunden an die Erinnerung an den Holocaust. Diese Erinnerung lag wie eine Matrix hinter allen Debatten und ließ so manches Problem bedrohlicher wirken, als es war. Nehmen wir das Waldsterben. Damals war in den Medien allen Ernstes von der "Vergasung" des deutschen Walds die Rede. Auch die Friedensbewegung kam nicht ohne Link in die NS-Zeit aus. Ich erinnere mich an ein Plakat, auf dem eine zerstörte Stadt hinter dem Auschwitz-Tor zu sehen war. Diese zentrale Bedeutung der Erinnerung sehe ich bei der Klimabewegung nicht mehr. Sie braucht den erinnerungspolitischen Anker nicht mehr.

Frage: Das unterscheidet sie von der AfD.

Biess: Ja. Die AfD hat es sich zum Ziel gemacht, die Erinnerungspolitik zu revidieren und damit einen Grundkonsens der Bundesrepublik infrage zu stellen. Früher hätte der Versuch weit größere gesellschaftliche Abwehrreflexe ausgelöst, der Aufstieg des Rechtspopulismus hat auch mit der schwindenden Bindekraft der Erinnerung an die NS-Zeit zu tun. Erinnerungs- und identitätspolitisch befindet sich die Bundesrepublik im Umbruch. Dadurch wird die Zukunft noch einmal schwerer bestimmbar und letztlich furchterregender.

Frage: Scheinen die Verunsicherung und die Angst übermächtig, braucht es Zuversicht. Wo soll sie herkommen?

Biess: Gute Frage. Das Vertrauen in die Institution Kirche ist sicher geschwunden. Psychotherapeuten haben heute die Rolle der Seelsorger übernommen. Dennoch kann das christliche Ethos im politischen Bereich immer noch identitätsstiftend wirken. Der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist ja auch ein konservatives Anliegen. Und die Grünen predigen nicht nur Angst und Verbote, sondern auch Mut zur Veränderung in Zeiten des Klimawandels.

Frage: Man könnte aber auch sagen, die Grünen sind eine durch und durch bürgerliche Status-quo-Partei, die sich auch nicht traut, den Menschen die bittere Wahrheit zu sagen: dass sie ihr Leben radikal ändern müssen. Auch das Ethos der Grünen ist eher gemütlich.

Biess: Mag sein, aber immerhin haben sie verstanden: Angst reicht als Motivator auch nicht. Wer die Menschen zur Umkehr bewegen will, muss ihnen auch ein gutes Gefühl geben, die Gewissheit, Teil eines großen Ganzen zu sein, einer Bewegung. Natürlich ist das Ziel, den Anstieg der Erderwärmung wenigstens zu reduzieren, deutlich moderater als die politischen Utopien der Vergangenheit, die ja oft nicht weniger als das Paradies auf Erden versprachen. Aber nur mit der Aussicht auf den Weltuntergang kann man die Menschheit nicht retten vor sich selbst.