Scarlatti, aber nicht Domenico, sondern Alessandro, der Vater – für die meisten wohl kaum mehr als ein Name. Aber wer die Barocktage der Staatsoper Unter den Linden diesen Herbst besucht hat, dem leuchten künftig bei beiden Scarlattis die Augen. Es begann im Alten Orchesterprobensaal mit Letizia Renzinis szenisch-tänzerischer Kommentierung eines Querschnitts aus Alessandro Scarlattis knapp 800 weltlichen Kammerkantaten – unter der nach aller Lebenserfahrung nicht unplausiblen Überschrift: Amor macht vor allem unglücklich.

Die verzweifelnd Liebenden und betörend Singenden (besonders den warmen, vollen Sopran von Lore Binon wird man nicht vergessen) ließ Renzini im Fitnessstudio unter ständigem Seitenblick aufs Handy ihre einsamen Übungen machen. Der Abend zeigte schon einmal: Es muss nicht immer Händel sein. Strömenden Wohlklang von Arien und Duetten gibt es auch bei dem älteren Scarlatti (1660–1725), mit Viola-da-Gamba-Grazie und Barockharfen-Zauber – und selbst mit Beats und elektronischen Klangteppichen unterlegt funktionierte es fabelhaft.

Man konnte sich aber auch schlankere, abstraktere Eindrücke verschaffen. Den jungen Cembalisten Jean Rondeau lieben Domenico-Scarlatti-Fans längst für seine Platzierung der kanonischen Sonaten mitten im Jetzt: indem er sie mit glühender Ruhe und berstender Energie interpretiert – und indem er improvisierend mit ihnen sein eigenes Jazz-Idiom schafft. Beides führte er, nachts und morgens, im Apollosaal der Staatsoper vor – anhand von Domenicos Sonaten, aber auch mit Alessandros Toccaten. Und wie der Sohn, so der Vater. Schwerlich sind Rhythmen und Tempi anderswo so glitzernd elegant, so selbstsicher perlend unterteilt wie im "objektiven" Cembalo-Sound. Finge die vergehende Zeit von selbst an zu klingen, sie klänge wohl so.

Einen großen Teil von Alessandro Scarlattis Werk verdanken wir einer strengen kirchlichen Musikzensur. Seine Kunst ist oft Ausweichreaktion. Kantaten, Serenaden, Oratorien wurden vor allem deshalb die Formen der Wahl im Italien des beginnenden 18. Jahrhunderts, weil zwei Päpste in Rom über Jahre Theater- und Opernaufführungen verboten. Sinnlichkeit und Drama wanderten in die Formen und Stoffe, die erlaubt waren, in Kantaten, Oratorien, Serenaden. Die Komponisten, die Musiker und Sänger, die Mäzene und das Publikum suchten sich ihre Wege, zu genießen, was sie nicht entbehren konnten.

Auch deshalb eignet Scarlattis Musik in aller Sanftheit und Subtilität immer auch dramatischer Gehalt und dramatische Form. Die Oratorien sind getarnte Opern. Das gilt für Il Primo Omicidio, die Geschichte von Kain und Abel und ihrer Eltern Adam und Eva, genauso wie etwa für Händels Trionfo del Tempo e del Disinganno, der in den gleichen Wochen des Frühjahrs 1707 ebenfalls in Rom entstand.

Unter der Leitung von René Jacobs strömte jetzt in Berlin Scarlattis musikalische Erzählung dieses "ersten Mordes" warm federnd dahin. Was für bestrickende Arien und Duette der Brüder und der Eltern! Wie sanglich selbst die Rezitative! Und auch gedanklich bleibt man stets wach und dabei und hört etwa erstaunt, wie Adam in der ersten Arie des Abends die Schuld für die Sache mit dem Apfel auf sich nimmt. Eva allerdings widerspricht sofort: Caro sposo! Ergreifender ist nie ein Ehemann angesungen worden.