Grüner wird’s nicht – Seite 1

Das beste Zitat steht auf Seite 35: "Ganz ehrlich: Um hundertprozentig ökologisch zu sein, müssten wir uns alle umbringen." Das ist Askese in Vervollkommnung, ökologisch konsequent zu Ende gedacht, mit schöner apokalyptischer Note. Weil aber zwischen Suizid und Verschwendung noch viel Platz ist, gibt es das neue Magazin Brigitte Be Green. Es ist das erste Mainstream-Presseerzeugnis, das sich ausschließlich mit der grünen, bestenfalls klimaneutralen Lebensweise befasst. Die erste Ausgabe ist kürzlich erschienen.

Sie schaut aus wie eine Brigitte für junge Leute, die viel auf Instagram abhängen. Tatsächlich aber predigt sie christliche Werte, ohne das Wort "christlich" auch nur einmal zu verwenden.

Der Markt für ein solches Magazin müsste ja eigentlich existieren. Einige kleinere Independent-Publikationen zum "guten Leben" gibt es sogar schon. Sie heißen enorm oder transform. Doch ein Flagschiff-Verlag wie Gruner + Jahr hat noch kein explizites Klimamagazin veröffentlicht. Be Green ist das erste. Wer soll es kaufen? Unzählige junge Leute versammeln sich wöchentlich zu Fridays-for-Future-Demos. Auch ihren Eltern wird langsam klar: Immer nur in Urlaub fliegen und einen Diesel fahren, das geht nicht mehr. Wie aber wirklich den CO2-Verbrauch senken? Hier möchte Brigitte Be Green Aufklärungsarbeit leisten.

Verzicht ist ein klassisches Thema der Menschheitsgeschichte. Die Idee der Askese stammt aus dem alten Indien, das Wort kommt aus dem Altgriechischen. Die verschiedensten Völker haben Lehren entwickelt, wie ein besseres Leben durch Selbstkontrolle, Tugendhaftigkeit und allgemeine Reduktion zu erreichen sei. Ebenso das Christentum. Von Klimaneutralität wussten die klassischen Gelehrten natürlich nichts, aber die Idee ist heute wie damals dieselbe.

"Macht Verzicht glücklich?", fragt das neue Magazin sogleich als Erstes auf seinem Cover – und gibt sofort die Antwort: Ja. Mehrwert durch verzichten, eine kluge Verkaufsstrategie, die das Sichbeschränken gleich ins Positive wendet. Weil sich das Magazin auch am Kiosk verkaufen muss, prangt auf dem Cover der Zeitschrift natürlich: eine junge schöne Frau. Das hat bei dem traditionsreichen Verlagshaus, aus dem die Brigitte stammt, eigentlich schon Methode. Der Stern, der auch bei den Hamburgern von Gruner + Jahr erscheint, bebildert jeden Titel, der sich auch nur mäßig dafür eignet, mit jungen schönen Frauen, die idealerweise wenig tragen.

Bei Brigitte Be Green, so lernen wir, wird immerhin eine "Greenfluencerin" auf der Eins gezeigt. Also eine Person, die im sozialen Netzwerk Instagram durch viele Follower zum Influencer geworden ist, ihren Einfluss aber für die grüne Lebensweise einsetzt.

Gleich auf Seite 13 trifft uns der erste Schocker: Bei der Herstellung eines Kilogramms Butter entstehen 24 Kilogramm CO2! Immer wieder gibt die Redaktion auf den Seiten Hinweise zu versteckter CO2-Produktion. Es wird schnell klar: Jeder ist schuldig, und wenn man es ernst meint, muss man nicht nur Bahn fahren, sondern sich auch die Butter vom Brot nehmen lassen. Ein bisschen erinnert das Konzept an die Erbsünde. Man wird schon schuldig geboren, ohne so recht etwas dazuzukönnen, und verbringt sein Leben damit, die eigene Existenz vor dem Schöpfer zu rechtfertigen.

Der saubere Konsum kommt aber im neuen Magazin nicht zu kurz. Jede, wirklich jede Werbeanzeige preist ein grünes Produkt an: ein Elektroauto von Renault, unverpackte Lebensmittel von Rewe Bio, und, als Höhepunkt, Altplastik-Plastikflaschen von Pril. Komplettiert werden die Konsumtipps der Werbenden durch Modestrecken und Rezepte im Heft selbst. Da ist die Brigitte ganz bei sich und predigt damit eine neuartige Form des Einkaufens, den Verzichtskonsum. "Du kannst deine Klimaschuld abtragen", flüstert das Heft, "aber du kannst auch weiter konsumieren!" Beides geht gleichzeitig. Wer grün kauft, darf trotzdem kaufen! Ein wunderbares Paradoxon: Mithin wird der Konsumismus als Klimaübeltäter Number one ausgemacht, dem es abzuschwören gilt. Das erste grüne Klimamagazin Deutschlands aber sagt: "Du darfst dich auch weiterhin glücklich kaufen, du musst nur das Richtige kaufen. Wir helfen dir dabei!"

Das ist ethisch nicht ganz einwandfrei argumentiert, aber wahrscheinlich "holt es die Leser ab", wie Zeitungs- und Magazinmacher gern sagen, wenn sie ihre Kunden erreichen wollen, ohne ihnen intellektuelle Schwierigkeiten zu bereiten.

Wir sind alle fehlbar und das ist gar nicht schlimm

Nun besteht das Magazin nicht nur aus Werbeanzeigen und Modestrecken, sondern auch aus Texten. Einige Autoren prüfen ihr Gewissen und machen sich auf die Verzichtssuche. Was kann ich persönlich tun, um, zum Beispiel, Plastik zu vermeiden? Diese Texte sind von hoher Qualität und zeigen vor allem: Das klimaneutrale Leben ist eine Sisyphosaufgabe. Rollt man den Stein morgens hoch, kommt er abends wieder runter, weil, zum Beispiel, Familienmitglieder nicht mitziehen und nach wie vor Haribo-Tüten verschlingen oder Verwandte in Übersee besuchen wollen. Wir alle sind fehlbar, sagt das Magazin, und das ist gar nicht schlimm. Eine religiöse Funktion auch hier: Trost.

Es ist ja erstaunlich, dass sich die Kirchen in den Industrieländern noch nicht der Klimabewegung bemächtigt haben. Passen würde es. Um die Umwelt ging es zwar in Papst Franziskus’ Enzyklika Laudato si und zuletzt natürlich auf der großen, viel beachteten Amazonassynode. Aber gab es schon mal einen kirchlichen Redner auf einer Fridays-for-Future-Demonstration, der über den Erhalt der Schöpfung spricht? Denn genau das ist es, was die Klimabewegung will, um ein Ereignis religiöser Dimension aufzuhalten, die Apokalypse nämlich, nichts Geringeres.

Von einem gottgefälligen (= umweltfreundlichen) Leben, das alle Erdenbewohner schätzt, erzählen christliche Geschichten ausreichend viel, damit sich christliche Würdenträger heute darauf berufen dürften und sich vor die heutigen Umweltschützer stellen könnten. Doch das passiert nicht. In den Industrieländern hat die Kirche andere Themen, beschäftigt sich mit ihrer eigenen Apokalypse, dem Ausbluten durch Priestermangel und wegbleibende Gottesdienstbesucher, anstatt sich dem viel größeren Zerstörungswerk zuzuwenden.

Auch in Brigitte Be Green kommt kein Christ zu Wort, der einem Schöpfungsschutz das Wort redet – dafür Jonathan Safran Foer, Vegetarier der ersten Stunde und Buchautor von Tiere essenund Wir sind das Klima. Er sagt: Selbst er schaffe es nicht, komplett auf Fleisch oder das Fliegen zu verzichten, obwohl er so ziemlich jede Studie zum Klimawandel kennt und sich der dramatischen Folgen des westlichen Lebensstils bewusst ist. Das ist einerseits liebenswert menschlich, zeigt aber andererseits, dass die klimaneutrale Lebensweise vielleicht vor allem eines ist – eine Utopie.

Veränderung ist schwierig, wenn man etwas dafür tun muss. Pädagogisch klug zeigt das neue grüne Magazin daher auch öfter mal Wege auf, wie man durch Nichtstun zum guten Menschen werden kann. So wird der Gründer der Öko-Suchmaschine Ecosia vorgestellt. Die Website funktioniert wie Google, pflanzt aber von den Werbeeinnahmen Bäume. Jeder, der klickt, hilft also. "Hätten wir 20 Jahre lang den Gewinn von Google, wäre das Klimaproblem gelöst", sagt der Gründer Christian Kroll. Das muss man sich mal vorstellen!

Der größte Zusammenhang zwischen Klimabewegung und Religion besteht in dem jeweiligen eschatologischen Heilsversprechen: Weltenrettung. Mit dem Unterschied, dass das Christentum die Erlösung ins Jenseits verschiebt und die Klimabewegung sich nicht leisten kann, aufs Jenseits zu warten. Wenn aber die Klimabewegung ersatzreligiöse Züge trägt, dann ist die Brigitte Be Green so etwas wie die Bistumszeitung.

Ob weitere grüne Magazine von anderen Verlagen folgen? Magazinevolutionär gedacht sind die Klimamagazine die Weiterentwicklung der Outdoormagazine, wie es Walden (auch Gruner + Jahr) und sogar Landlust sind. Diese delektieren sich an einem Eskapismus des Dekorierens und Zeltbauens. Bei der Brigitte flüchtet man sich jetzt nicht mehr nach irgendwohin, nein, man sieht den Dingen ins Auge. "Let’s face it", würde die offenbar anglophile Redaktion schreiben. Denn danach verlangen die Zeiten ja, nach Einmischung, nicht nach einem höheren Eremitentum, das den Feuerstein im 21. Jahrhundert wiederentdeckt und sich mit einem Schweizer Taschenmesser Einbäume sägt.

Über Verkaufszahlen des jüngsten Brigitte-Ablegers ist noch nichts bekannt. Ob die jungen Klimaschützer ein Magazin kaufen, das Brigitte heißt? Ob sie überhaupt ein Printerzeugnis kaufen? Unklar. Zu wünschen wäre es dem grünen Pioniermagazin, denn von einem journalistischen Standpunkt aus betrachtet ist es vor allem das: ein überraschend gutes Magazin, dessen Schwäche allein darin steckt, sich möglichst Brigitte-verwandt geben zu müssen, Rezepte (Sonnenblumenkern-Lasagne) und Modestrecken inklusive. Vielleicht könnte man die nächste Ausgabe ja einfach Greta nennen, dann wäre das Namensproblem gelöst.