Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass stürmischste Zeiten angebrochen sind, wenn niemand in einer Partei mehr ein öffentliches Wort sagt. Keines der Kritik. Aber vor allem auch keines der Unterstützung. So ist das gerade in der Thüringer Union, wenn man manche ihrer Repräsentanten nach der Lage fragt.

Es sei irreversibel Glaubwürdigkeit zerstört worden, sagt der eine. "Uns glaubt doch in Zukunft kein Mensch mehr irgendwas", sagt der andere. "Wir dachten zu lange: Hauptsache, wir regieren. Wir haben uns schon lange nicht mehr gefragt, wie wir eigentlich regieren wollen", sagt der Dritte.

Willkommen bei einer CDU, die soeben realisiert, dass aus einer Staatspartei im Lauf der Zeit ein ziemliches Häufchen Elend geworden ist. Diese Partei versteht selbst kaum, was um sie herum geschieht. 51,0 Prozent der Stimmen gewann sie am 12. September 1999 – es war, wie man damals sagte, ein "Erdrutschsieg" unter dem Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, der seit der Nachwendezeit dieses Land regiert hatte. Goldene Zeiten! Jetzt, seit dem 27. Oktober 2019, sind es noch 21,7 Prozent für die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten Mike Mohring. Finsterer Himmel!

30 Prozentpunkte liegen zwischen damals und heute. Das erklärt, warum aus diesem Thüringer Landtagswahlergebnis vor allem eine Partei gepeinigt hervorgeht: Die CDU, einst unangefochtene Nummer eins, ist inzwischen nur noch drittstärkste Partei hier, hinter Linken und AfD. Eine Kraft, die unter Schwindsucht leidet. Eine Partei ohne echte Regierungsoption. Eine Partei, die keine Ämter, keine Pöstchen, keine Privilegien mehr zu verteilen hat. Eine, die erstmals in ihrer machtprallen Nachwendegeschichte nur noch dies besitzt: sich selbst. Damit kann sie erfahrungsgemäß besonders wenig anfangen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der eine in der CDU nun anfängt, zu fragen, ob man nicht Gespräche mit der AfD führen sollte. Dass der andere in der Partei nun anfängt, zu fragen, ob man nicht mit der Linken koalieren sollte. Dass der Chef, Mike Mohring, dazwischensteht und – so wirkt es mitunter – auch nicht so genau weiß, wie man mit dieser ganzen verfahrenen Lage umgehen soll.

Die Partei ist im Chaos. Die Frage lautet, wie groß die Verantwortung ist, die ihr Vorsitzender dafür trägt.

Das hat etwas damit zu tun, wie Mohring sich seit dem 27. Oktober verhalten hat. Bis zum Tag vor der Wahl hatte er, ziemlich offensiv, Koalitionen mit Linken und AfD ausgeschlossen. Am Morgen nach der Wahl ging er vor eine Kamera der ARD, und als die Moderatorin ihn fragte, ob "Verantwortung übernehmen" für ihn auch bedeute, mit der Linken zu regieren, antwortete er: "Wir sind bereit für so eine Verantwortung, müssen zunächst ausloten, was heißt das für Thüringen?" Er sagte auch: Ihm seien stabile Verhältnisse wichtiger für das Land als parteipolitische Interessen. Das Interview wurde ihm auch als Bekenntnis zu einer möglichen Regierung an der Seite von Bodo Ramelow ausgelegt, dem linken Ministerpräsidenten. Manche fanden das progressiv. Bei anderen brachte es Mohring brutalen Gegenwind ein: im Bundesvorstand der Union, im Landesvorstand in Thüringen. Am gleichen Abend verschickte dieser Landesvorstand eine Mitteilung mit der Überschrift: "Keine Koalition mit LINKE oder AfD".

War das ein Rückzieher?

Aus Sicht seiner Gegner hat Mohring binnen 24 Stunden zweimal seine Haltung um 180 Grad geändert. Von "Niemals mit Ramelow" zu "Vielleicht mit Ramelow" zurück zu "Niemals mit Ramelow". Mohring beteuert, er habe nie etwas anderes gesagt als: Es wird keine Zusammenarbeit mit der Linken geben, ebenso keine mit der AfD. Alles andere hält er, grob zusammengefasst, für üble Nachrede.

Kann Mohring wirklich nur schrecklich falsch verstanden worden sein?

Wenn ja, dann verstand man ihn jedenfalls auch in seiner eigenen Partei teilweise schrecklich falsch. Denn kaum debattierte die Union über ihr Verhältnis zur Linken, fingen prominente CDU-Leute, unter anderem Mohrings Vize-Fraktionschef Michael Heym, wie aus Trotz Denkspiele in die andere Richtung an: Es müssten alle Optionen geprüft werden, auch eine Koalition aus CDU, FDP und AfD! Kommunalpolitiker schlossen sich Heym an, der politische Betrieb, von Berlin bis Erfurt, stand jetzt komplett verdattert da: Da reden Leute in Thüringens CDU ernsthaft von Gesprächen mit der Höcke-AfD?