Die Abstimmung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte in zwei Stunden beginnen, die deutsche Delegation mit Heiko Maas war gerade in New York gelandet, und nun drohten die Amerikaner mit einem Veto. Christoph Heusgen stand in seinem Eckbüro im 21. Stock der Ständigen Vertretung Deutschlands im UN-Gebäude mit Blick über den East River und musste sich entscheiden: Sollte er die Resolution verändern, wie die Amerikaner es verlangten? Oder sollte er sie ganz zurückziehen?

Nach zwölf Jahren als außenpolitischer Berater Angela Merkels war Heusgen seit knapp zwei Jahren deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er hatte in seinem neuen Amt bereits die erfolgreiche Bewerbung Deutschlands für einen der zehn nicht ständigen Sitze im Sicherheitsrat organisiert, gerade hatte Deutschland den Vorsitz, die Resolution war extra dafür terminiert. Vier Monate hatte sein Team daran gearbeitet. Sie trug die Nummer 2467, war zehn Seiten lang und sollte einen Mechanismus einführen, mit dem sexuelle Verbrechen in Kriegen durch die UN bestraft werden können. Vor allem aber sollte sie helfen, die Grundidee der Vereinten Nationen vor dem aufziehenden Nationalismus zu retten: dass die Welt friedlicher ist, wenn Länder zusammenarbeiten.

Die Nationen der Welt durch Verträge aneinander zu binden, die Wohlstand im Tausch für mehr Demokratie anboten, das war das politische Prinzip der Nachkriegszeit und seit Jahrzehnten Grundlage deutscher Außenpolitik. Die Struktur dafür war von den Amerikanern entworfen worden. Neben den UN gehören Institutionen wie die Weltbank, die Nato, die Internationale Atomenergie-Behörde, die Welthandelsorganisation (WTO) und der Weltklimarat dazu. Dennoch hielt es der deutsche Außenminister Heiko Maas während der jüngsten UN-Vollversammlung im September für nötig, eine "Allianz für den Multilateralismus" ins Leben zu rufen. An ebenjener Institution, die wie keine andere für den Multilateralismus steht. Dass Maas sich dazu entschlossen hatte, hat auch mit jenem Tag im April zu tun, an dem Christoph Heusgen in seinem Eckbüro stand, auf seinen Chef wartete und sich fragen musste, ob er diesen möglicherweise ganz unnötig nach New York hatte anreisen lassen.

Zur Annahme der Resolution brauchte Heusgen neun der 15 Stimmen im Sicherheitsrat. Wie die anderen ständigen Mitglieder des Rates Russland, Frankreich, England und China besitzen auch die USA ein Vetorecht, mit dem sie jede Resolution zu Fall bringen können. Heusgen hatte sich jedoch früh der Unterstützung des erfahrenen amerikanischen Diplomaten Jonathan Cohen versichert. Seit dem Abgang von Botschafterin Nikki Haley Ende 2018 vertrat Cohen die USA bei den Vereinten Nationen. Der Schutz von Frauen lag den Amerikanern immer am Herzen. Heusgen erwartete daher keine Probleme. So schildert er es an einem Tag im Spätsommer in seinem Büro, als er den Kampf um die Resolution noch einmal Revue passieren lässt. Aber dann bekamen Außenminister Mike Pompeo und das Weiße Haus die Resolution am Wochenende vor der Abstimmung auf den Tisch. Und plötzlich hatte Heusgen ein Problem.

Die Resolution sollte unter anderem sicherstellen, dass im Krieg vergewaltigte Frauen die Möglichkeit zu einer Abtreibung erhielten. Die Trump-Regierung hat es sich jedoch zur Regel gemacht, kein Schriftstück mehr zu unterzeichnen, in dem Abtreibungen unterstützt werden. Auch nicht, wenn es um Vergewaltigungsopfer des "Islamischen Staates" geht. Die US-Regierung forderte die Streichung des Paragrafen, eines Kernstücks der Resolution.

Heusgen ist 64 Jahre alt, 39 davon hat er im diplomatischen Dienst verbracht. Er ist Langstreckenläufer, fast jeden Morgen joggt er im Central Park, im vergangenen Jahr ist er den New-York-Marathon gelaufen. Heusgen weiß, wie man sich seine Kraft einteilt, um ans Ziel zu kommen. Das gesamte Wochenende hatte er mit den Amerikanern verhandelt, aber die hatten sich keinen Schritt auf ihn zubewegt. Frauenorganisationen hatten Heusgen gewarnt. Er solle nicht versuchen, liberale Standards zu erweitern in Zeiten, in denen die USA sie überall zurückfährt. Das berge große Gefahr. Denn letztlich sitze Amerika mit seiner Vetomacht im Sicherheitsrat am längeren Hebel. Sie sollten recht behalten. Die einzige Formulierung, die Washington in dem Paragrafen akzeptierte, fiel sogar hinter die Formulierung einer alten Resolution aus dem Jahr 2013 zurück. Die USA wollten die Uhr zurückdrehen. Sollte Heusgen das zulassen?