Erik Flügge, 32, ist katholisch, Bestsellerautor und politischer Berater. Hier beschreibt er seine Kirche von außen – im Wechsel mit der Pfarrerin Hanna Jacobs. © Ruprecht Stempell

"Als ob die Kirchen mit Frauen als Priester voll wären!" Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Satz in den letzten Monaten schon gehört habe. Alles daran ist schräg. Denn die Frage des Frauenpriestertums dreht sich doch nicht um die Befüllung von Kirchenbänken. Selbst wenn sonntags gar niemand mehr käme und Priester ganz allein die Messe feierten, wäre sie noch immer virulent.

Die Kirchenbänke sind nicht leer, weil es keine Priesterinnen gibt, sondern weil die Mehrheit der getauften Katholikinnen und Katholiken den Sinn im Gottesdienst nicht mehr erkennt. Sie sind leer, weil die meisten Kirchenmitglieder niemanden mehr kennen, der oder die dort hingeht. Auch weil Kontaktarmut herrscht und fast alles in der Kirche nach dem Prinzip "offene Tür" funktioniert, und etwas anderes ist ein aktiver Besuch.

Dafür braucht es keine Priester, seien es nun Mann oder Frau, sondern Gemeinden, die sich nicht länger einrichten in ihrer kleinen Welt und sich selbst endlich wieder als das wichtigste Medium einer in die Gesellschaft wirkenden Christenheit verstehen.

Die Kirchenbänke sind nicht leer, weil es keine Priesterinnen gibt.

Beim Frauenpriestertum geht es um eine ganz kleine, bedeutsame Frage: Ist die Berufung zum Priesteramt, die einige Frauen für sich wahrnehmen, ein wahrhaftiger Ruf Gottes oder eine Selbsttäuschung? Denn nichts anderes steht hinter dem Konflikt rund um das Frauenpriestertum. Es gibt Frauen, die aus vollster Glaubensüberzeugung bekennen, dass sie den Ruf hörten, der sie aufforderte, Priesterin zu werden.

Ihnen gegenüber steht eine Kirche, die seit Jahrhunderten sicher zu wissen meint, dass ein solcher Ruf von Gott nicht kommen kann, weil die Berufung zum Priesteramt auf männliche Apostel begrenzt sei.

Der Diskurs, wie wir ihn um das Frauenpriestertum führen, ist deshalb so schräg, weil er zu oft organisationstheoretisch geführt wird. Ob Frauen den Priestermangel beheben oder sich mehr einbringen – das ändert aber nichts an der Frage nach der Wahrheit.

Wir müssten anders vorgehen, etwa so wie beim Prozedere der Heiligsprechungen, Berufungen prüfen auf ihre Wahrhaftigkeit. Und fände sich nur eine Einzige, bei deren Berufung wir nichts anderes sagen könnten, als dass sie wahrhaftig ist, wäre für alle Zeit geklärt, dass Gott auch Frauen zu seinen Priesterinnen beruft.