Er hat Pakete voller Rauschgift aus Reservereifen gerissen, auf Bundesstraßen Zigarettenschmuggler gestellt und Lager mit illegal eingeführten Arzneimitteln hochgenommen. Am Wochenende, feiertags oder mitten in der Nacht. "Mit der Zeit sieht man einfach mehr", sagt er nach vielen Jahren als Ermittler. Doch jetzt soll er Geldwäsche bekämpfen – und vielleicht ist das der härteste Job seiner Laufbahn.

Der Fahnder soll hier Hoffmann heißen. Seinen richtigen Namen in der Zeitung zu nennen könnte ihm Schwierigkeiten machen, glaubt er. Denn Hoffmann, der Ermittler, sagt: "Deutschland ist ein Geldwäsche-Paradies." Er berichtet von Fällen, bei denen es sich offensichtlich um Geldwäsche handelt, bei denen er aber nichts tun kann. Von Ermittlungen, die zu nichts führen, weil ihm die Instrumente fehlen. Von Kriminellen, die davonkommen, weil die Gesetze ihnen großen Spielraum lassen.

100.000.000.000 Euro werden in Deutschland jährlich gewaschen (in Worten: einhundert Milliarden)

Geldwäsche ist eine gigantische Industrie. Dabei wird Geld, das durch Drogenhandel, Menschenschmuggel, Korruption, Betrug, Erpressung verdient wurde, über verschlungene Wege wieder in den legalen Wirtschaftskreislauf geschleust. Aus schmutzigem wird dann sauberes Geld. Weltweit werden jährlich zwischen zwei und fünf Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts gewaschen, schätzt das Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Das wären weltweit zwischen 1,6 und 4 Billionen US-Dollar. In einer 2016 für das Bundesfinanzministerium erstellten Studie wird der Betrag des in Deutschland gewaschenen Geldes auf mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt – in etwa so viel wie der Jahresumsatz des Automobilherstellers BMW.

Am Freitag wird der Bundestag über die Umsetzung einer neuen EU-Richtlinie abstimmen, mit der das deutsche Geldwäschegesetz überarbeitet wird. Damit soll die Immobilienbranche strenger kontrolliert werden und die beim Zoll angesiedelte Financial Intelligence Unit (FIU) mehr Kompetenzen erhalten. Ebenso sollen Anbieter zur Verwahrung von Kryptowährungen dazu verpflichtet werden, verdächtige Transaktionen zu melden. Und das Transparenzregister, in dem die Eigentümer von Unternehmen offengelegt werden, soll für alle Bürger einsehbar werden. Aber reicht das?

Die ZEIT hat mehrere Wochen lang mit denjenigen gesprochen, die täglich gegen Geldwäscher vorgehen. Mit Ermittlern, Staatsanwälten und Aufsehern in Deutschland und ihren Kollegen im Ausland. Sie arbeiten bei spezialisierten Strafverfolgungsbehörden, bei der Polizei, bei der FIU und bei internationalen Organisationen. Manche sprachen mit Erlaubnis ihrer Dienststelle. Andere, wie Ermittler Hoffmann, wollen anonym bleiben, um offen reden zu können.

Schmutzige Geschäfte

Anzahl verdächtiger Transaktionen nach Herkunftsland

Quelle: Financial Intelligence Unit, Jahresbericht 2018 © ZEIT-Grafik

Der Fluch der bösen Vortat "... und schon ist alles weg und sauber"

Hoffmann durchwühlt keine Lagerhäuser mehr, er sitzt meist am Schreibtisch, kämpft sich durch Kontoauszüge, Steuererklärungen, Firmen-Konstrukte. Und er hatte gerade wieder einen Fall, dessen Ausgang ihn am Sinn seiner Tätigkeit zweifeln lässt.

Ein in Deutschland lebendes Ehepaar aus der Ukraine zahlte bei der Bank exakt 200.000 Euro auf sein Konto ein, in bar. Der Mann ist Landmaschinentechniker, die Frau Steuergehilfin. Mit dem, was die beiden verdienen, können sie unmöglich einen solchen Betrag ersparen. Also meldete die Bank, wie es in solchen Verdachtsfällen ihre Pflicht ist, die Einzahlung an die Behörden. Hoffmann war sofort klar: "Das ist nicht deren Geld, das sind Strohleute!" Soll heißen: Die beiden schleusen den Betrag für andere über ihr Konto. Fünf Prozent Provision vom Gesamtbetrag seien bei solchen Geschäften durchaus drin.

"Da sind Kriminelle, die suchen sich mehrere Leute, über deren Konten sie eine solche Transaktion abwickeln können, oft sind es Landsleute, die da rekrutiert werden", sagt Hoffmann. Ein beliebter Trick: Die Kontoinhaber zahlen das Geld ein und legen einen Darlehensvertrag vor, in dem steht, dass sie dem Kriminellen das Geld schulden. "Dann wird alles beispielsweise an eine deutsche GmbH überwiesen, die einen Gesellschafter auf den Kanalinseln oder in Panama hat, und schon ist alles weg und sauber", sagt der Fahnder.

Hoffmann hat die beiden vernommen. Sie schwiegen, was ihr Recht ist. Er hat die Behörden in der Ukraine darum gebeten, ihm die alten Steuererklärungen der beiden zu schicken. Es kam keine Antwort, was selbst bei EU-Ländern vorkommen kann. Die Staatsanwaltschaft stellte schließlich das Ermittlungsverfahren ein. Hoffmann gelang es nicht, nachzuweisen, dass das Geld aus einer Straftat stammt. Und diese sogenannte Vortat braucht es, um jemanden wegen Geldwäsche dranzukriegen.