"Als Christ bist du hier ein kompletter Exot", sagt Anne Greiner. Die 20-jährige Studentin meint das gar nicht negativ. Bei ihren Kommilitonen, erzählt die gebürtige Baden-Württembergerin, ecke sie aber oft an, wenn sie erzählt, was sie studiert: katholische Theologie. Und das auch noch an der Humboldt-Universität (HU). Die HU ist eine evangelische Vorzeigeuniversität. Im 18. Jahrhundert trieb der evangelische Universalgelehrte Friedrich Schleiermacher ihre Gründung maßgeblich voran. An ebenjener Stelle brachten nun der Senat der Stadt Berlin, die Universität und das Erzbistum erstmals in der Geschichte der Hauptstadt ein Institut für Katholische Theologie auf den Weg.

Während andernorts katholische Fakultäten und Institute mangels Zulaufs geschlossen werden müssen, soll das Institut an der HU nun ein "Leuchtfeuer der akademischen Theologie" sein. Kann das gut gehen? Das Erzbistum jedenfalls verbucht die Neugründung als Erfolg. Erstaunlich eigentlich. Zu einer ordentlichen Fakultät konnte sich der Senat nicht durchringen. Die hätte aus zwölf Professuren bestanden. Das Institut bekam nur fünf. Und selbst um die wurde hart gerungen. Ursprünglich hatte der Senat überhaupt kein katholisches Institut gewollt. Seit 2016 regiert im Senat ein rot-rot-grünes Bündnis. Mit den Kirchen haben die Koalitionäre nicht viel am Hut. Selbiges gilt für die katholische Theologie, die "Lehre von Gott". Selbst für den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist Religion vor allem "Privatsache", wie er in einem Gastbeitrag für Christ&Welt einmal schrieb. Die Politik habe sich da herauszuhalten. Umso erstaunlicher ist, dass das rot-rot-grüne Bündnis die Gründung eines islamischen Instituts in der Vergangenheit maßgeblich beförderte. Aus freien Stücken engagierte sich der Senat aber nicht. Er sah sich vielmehr gezwungen. Bereits vor 20 Jahren hatte sich die Islamische Föderation (IF), ein Dachverband verschiedener Berliner Moscheegemeinden, das Recht erstritten, Religionsunterricht zu erteilen. Doch wo sollten die Lehrer herkommen, wer sollte sie ausbilden?

Bislang ist es so, dass die Föderation eigenständig Lehrkräfte an Berliner Schulen entsenden kann, für deren Gehälter der Senat anteilig aufkommen muss. In der Vergangenheit kamen die meisten dieser Lehrkräfte aus dem Ausland und waren unzureichend ausgebildet für den deutschen Schulbetrieb. Ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Lehrer hat der Senat bis dato nicht. Er muss also befürchten, dass sich unter den Lehrkräften auch Anhänger der islamistischen Bewegung Milli Görüş befinden, der einige IF-Mitgliedsmoscheen nahestehen. Bis 2014 wurde Milli Görüş vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet.

Der freiwillige Religionsunterricht der Islamischen Föderation war allerdings schon vorher in die Kritik geraten. Im Jahr 2004 ergaben Unterrichtsbesuche der Schulbehörde, dass nur vier von 23 Religionslehrern die deutsche Sprache einwandfrei beherrschten. Die Berliner Morgenpost berichtete damals, dass immer mehr Mädchen Kopftuch tragen würden, nachdem sie den Religionsunterricht besucht hatten. 2008 ergab eine Studie der Islamwissenschaftlerin Irka Mohr, dass es den von der Islamischen Föderation entsandten Lehrern nicht um ein aufgeklärtes Verhältnis zur eigenen Religion gehe. Der Unterricht sei distanzlos, die Lehrer verfügten über "keine Kritikfähigkeit" und würden den Schülern eine sehr eindimensionale Interpretation des Islam vermitteln, sagte Mohr damals dem Tagesspiegel. Insofern musste sich die Berliner Stadtregierung fragen, ob der muslimische Religionsunterricht in seiner bisherigen Form einen Beitrag zur Integration leisten kann. Genau darauf kam es dem Senat aber an. Bereits im Jahr 2015 beschäftigte sich der Integrationsausschuss mit der Frage, ob und wie muslimische Religionslehrer in Berlin selbst ausgebildet werden können. SPD, Grüne und Linke waren sich nach der Wahl 2016 in diesem Punkt einig und schrieben die Schaffung eines islamischen Instituts an einer Berliner Universität in den Koalitionsvertrag.

Und die Katholiken? Die mussten erst auf sich aufmerksam machen, räumt Bettina Jarasch ein, religionspolitische Sprecherin der Grünen und Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Heiner Koch, der Berliner Erzbischof, formuliert es im C&W-Gespräch positiver: "Wir mussten diese Chance nutzen." Koch steht momentan vor einem ganz eigenen Problem: Der Großteil der katholischen Religionslehrer gehe in absehbarer Zeit in Rente. Nachwuchs ist knapp. Deshalb sei es wichtig, so Koch, dass Berlin die Ausbildung stärke. Zudem müsse die katholische Theologie als Wissenschaft gestärkt werden. Um das zu gewährleisten, setzte Koch in der Genese des Instituts auf Martina Koeppen. Diese arbeitete bis vor Kurzem als Cheflobbyistin des Erzbistums im Katholischen Büro und damit an der wichtigsten Schnittstelle zwischen Kirche und Politik in der Berliner Republik: Wenn ihr schon die Muslime berücksichtigt, lautete fortan die Losung, dann bitte schön auch die Katholiken. Auch der Erzbischof selbst warf sein Gewicht in die Waagschale: "Ich habe viele Gespräche geführt und deutlich gemacht, dass Theologie als Wissenschaft an die Universität gehört." Dabei habe er viele Widerstände an der Humboldt-Universität überwinden müssen. In Sabine Kunst, der Präsidentin der HU, fanden Koch und das Erzbistum jedoch eine Unterstützerin.