Das Letzte, was ich jeden Sonntagabend von Innsbruck sehe, sind die vereinzelten Lichter auf der Nordkette: die Höttinger Alm, die Seilbahnstationen, die Wohnhäuser auf der Hungerburg. Dann verlässt der Railjet, begleitet vom Sound einer schlecht gespielten Tonleiter, den Innsbrucker Bahnhof.

Seit neun Jahren sitze ich in den rot-schwarzen Waggons den immer gleichen Gesichtern gegenüber. Wir grüßen einander mit einem kurzen Kopfnicken. Wir tragen Kopfhörer, starren in den Laptop, aufs Handy, ins Tablet. Mit so gut wie niemandem habe ich je gesprochen. Für meine wöchentlichen Fahrten habe ich ein Ritual erdacht. Mein eigener Hashtag auf Instagram:

#lebenaufderwestbahnstrecke

Ich wohne in Innsbruck, der kleinen Großstadt in den Alpen mit 133.000 Einwohnern.

Ich arbeite in Wien, der einzigen Metropole in Österreich mit 1,9 Millionen Einwohnern.

In Tirol habe ich meine Familie, meine Wohnung, in Wien meinen Job, mein Zimmer. Am Sonntag fahre ich die vier Stunden vom Inn an die Donau. Im Laufe der Woche wieder zurück.

Zugegeben, auch ich wollte einst weg, nach Wien, so wie viele. Schluchtenkaff nannten wir Innsbruck als Jugendliche. Wir waren uns einig: Hier passiert nichts. Tatsächlich sind viele meiner Freunde von damals gegangen. Wir treffen uns heute in Wien zum Gulasch und Wein.

Ich bin in Innsbruck geblieben. Mag sein, dass ich mir hier etwas schönrede. Aber mittlerweile bin ich davon überzeugt: Aus Wien lässt sich Österreich nicht verstehen.

Nicht-Wien ist für die Wiener ein gigantisches Naherholungsgebiet. Aber was gesellschaftlich außerhalb des eigenen Speckgürtels passiert, in den anderen acht Bundesländern, in Städten wie Salzburg, Graz, Linz oder eben Innsbruck geschieht, interessiert in Wien nicht. Außer Unglücksfälle und Verbrechen.

Die Statistik spricht für die Wiener Ignoranz. Jeder vierte Österreicher lebt in Wien, in allen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern leben zusammen weniger Menschen als in den sieben größten Bezirken Wiens (von insgesamt 23). Die Wirtschaftsleistung der größten Stadt des Landes übersteigt die aller anderen Bundesländer bei Weitem.

In Europa sind nur wenige Staaten derart auf ein einziges Zentrum konzentriert. Am ehesten noch Frankreich. In Deutschland gibt es nicht nur Berlin, sondern auch München, Hamburg, Köln oder Frankfurt. In Italien, das nach wie vor stark zentralistisch funktioniert, neben Rom auch Mailand oder Turin. Und in der Schweiz meint Zürich zwar, es dominiere wirtschaftlich das Land. Aber Genf, Lausanne oder Basel haben mächtig aufgeholt – und die Zürcher teilweise überholt.

In Österreich ist der Föderalismus in der Verfassung festgeschrieben. Die politische Macht liegt in der Provinz, die Landesfürsten sind oftmals wichtiger als der Bundeskanzler. Die großen Medien, Unternehmen, die aber sitzen meist in Wien. Kunst und Kultur? Spielen in Wien. Die gesellschaftlichen Debatten? Werden in Wien geführt. Selbst die staatlichen Behörden sind in der Hauptstadt beheimatet.

Anfang 2017 plante der damalige Landwirtschaftsminister eine Dezentralisierungsinitiative. Eine Studie hatte 35.000 Staatsbedienstete ausgemacht, für die eine Verlagerung ihres Dienstortes infrage kommen würde. Zehn Prozent von ihnen sollten in den kommenden zehn Jahren von Wien wegziehen. Umgesetzt wurde einzig die Übersiedlung des Umweltbundesamtes. Nach Klosterneuburg. Ein Ort, nur wenige Kilometer vor den Toren Wiens.