Im Jahr 2019 nach Christus kennt der Glaube des US-Rappers Kanye West keine Grenzen mehr. Das Bauamt im Los Angeles County allerdings schon. Vier flugzeughangargroße Kuppeln hat West im letzten Sommer auf seinem Anwesen in den Bergen über der Stadt errichtet. Gedacht als Zufluchtsort der Heimatlosen und als Austragungsort jener gottesdienstähnlichen Sunday Services, mit denen West seit Anfang des Jahres seine wiederentdeckte Frömmigkeit zelebriert. In der Hitze von Erleuchtung und Gefecht setzte sich der Künstler jedoch über so viele Bauvorschriften hinweg, dass die Behörde zum Nachmessen vorbeikam und befand: drei Meter zu hoch gebaut. West musste die halb fertigen Holzkonstruktionen wieder abreißen.

Teuer ist das sicher gewesen, aber es gibt auch ein gutes Sinnbild ab für die eigenartige Bekehrung des Rap-Stars mit dem Über-Ego. Jesus sollte das Lösungswort sein nach all den Sinn- und Schaffenskrisen, die West in den letzten drei Jahren durchlebt hat. Zwischen Trump-Verehrung und Pornosucht, wirren Aussagen zur Geschichte der Sklaverei (waren die Versklavten nicht selber schuld?) und Klinikaufenthalten zur Behandlung einer bipolaren Störung gab der einstige Rap-Reformator ein Bild des Jammers ab. Nun hat West einen Film veröffentlicht und ihn Jesus Is King genannt (jetzt in deutschen Kinos). Ein gleichnamiges neues Album gibt es auch, es ist das mittlerweile neunte des Künstlers und so schnell wieder vergessen, wie seine 27 hastig zusammengekleisterten Gospel-Rap-Minuten vorbeiziehen. Manche Stücke brechen unvermittelt ab, andere winden sich um bestenfalls angedeutete Beats herum.

Im ebenfalls knapp halbstündigen Film aber stecken Halleluja und Kirchenorgel, eine Bild- und Chorgewalt, die von Wests spiritueller Genesung künden. Mit einem Dutzend Sängerinnen und Sängern sowie einem Kamerateam und dem Regisseur Nick Knight ist West in die Wüste von Arizona gereist. Dorthin, wo der Land-Art-Künstler James Turrell seit 1979 an einem Vulkankrater aus der Zeit des Mittelpleistozäns herumfräst, um Tunnel, Säle und ein Amphitheater zu schaffen. Noch sieht es dort aus wie im Bunker eines besonders geschmacksbewussten Bond-Bösewichts. In fünf Jahren aber will er fertig sein mit seinem Lebenswerk und einer Lichtinstallation von bisher ungekanntem Ausmaß. So erzählt es Turrell seit 20 Jahren in Interviews.

Kanye West hat ihm nun eine Finanzspritze von zehn Millionen Dollar gegeben und dann seine Kameras in Turrells unvollendeter Kunst aufgebaut. Natürlich ließ er sich und den Gospelchor für die überlebensgroßen Überwältigungsshows des Imax-Kinos filmen, und natürlich bläst einen die Wucht der Sounds und Bilder, die in den Resonanzräumen des Kraters entsteht, beinahe aus dem Kinosessel. Als müsste die Macht des Gesangs immer wieder geerdet werden, erscheinen zwischen den Darbietungen des Chors Bibelzitate und Naturkitsch-Impressionen auf der Leinwand: Ein Reh hoppelt über eine Wiese, eine Pusteblume löst sich im Wind auf. Am Ende des Films hält West sein jüngstes Kind im Arm und singt es in den Schlaf.

Oberflächlich betrachtet gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen West und Turrell. Beide arbeiten mit dem größten Besteck ihrer jeweiligen Disziplin und ohne Geduld für weltliche Begleiterscheinungen wie die Finanzierbarkeit ihrer Visionen. Jesus Is King verdeutlicht jedoch vor allem die Unterschiede zwischen den Willenskraftkünstlern. Während Turrell lediglich Räume zur Verfügung stellt, in denen das hereinströmende Licht seine eigenen Geschichten erzählt, geht es West um eine aggressive Besetzung der Räume. Bis in die letzten Winkel füllt er sie auf mit Kanye-West-Haftigkeit.

Das war schon immer so bei ihm, auch im Jahr 2004, als West mit einem Stück namens Jesus Walks der Durchbruch als Rapper und Solokünstler gelang. Zwischen profaner Verführung und religiöser Erlösung beackerte der Song ein Spannungsfeld, auf dem sündiger Büßer und büßender Sünder als prägende Figuren der nächsten 15 Hip-Hop-Jahre entstanden. Es ist diese Spannung, die in den Liedern und Bildern von Jesus Is King fehlt, die sich aufgelöst hat in kirchentägliches Wohlgefallen.

Für die Kunst ist das schlecht, aber für Kanye West vielleicht ganz gut. Dort, wo er seine Kuppeln für die Heimatlosen nicht bauen durfte, will er nun eine Selbstversorgerfarm mit Zitrushain anlegen. Der Friede sei mit ihm.