Eine Wende zeichnet sich in Österreich ab: Das Land ergrünt – ein wenig zumindest. Gerade so viel, wie die Volkspartei bei den nun anlaufenden Koalitionsverhandlungen den Grünen zugestehen muss, um mit ihnen einen Regierungspakt schließen zu können. In mancher Augen klingt das offensichtlich bereits nach einer gefährlichen Drohung. Die freiheitliche Opposition zum Beispiel schäumt und sieht bereits eine Öko-Diktatur heraufdämmern.

Dieses beleidigte Lamento ist natürlich ziemlich realitätsfern, in ihm verschränkt sich der anhaltende Schmerz über die eigene Wahlniederlage mit dem Gefühl, jetzt wieder nur zweitklassig zu sein. Sollten sich Volkspartei und Grüne tatsächlich auf ein Regierungsprogramm einigen, bedeutet das nicht eine radikale Hinwendung zur Weltverbesserung, sondern lediglich, dass Österreich ein paar Grade moderner, weltoffener und ja, ökologischer wird. Wie in Deutschland, so verabschiedeten sich auch hier die Grünen Zug um Zug davon, ihre Vorstellung mit der Brechstange durchsetzen zu wollen. Sie haben sich, ausgelöst durch den Schock, vor zwei Jahren aus dem Parlament geflogen zu sein, langsam in Richtung eines pragmatischen Realismus gewandelt. Es ist also eine runderneuerte grüne Partei, die sich nun in einen Verhandlungsmarathon begibt.

Beide Parteien, Volkspartei wie Grüne, sind sich sehr wohl bewusst, was sie einander zumuten können, wo die Grenzen des Gegenübers liegen, wie viel Fingerspitzengefühl nötig sein wird, um einen tragfähigen Kompromiss zu erzielen. Es geht hier um die Feinmechanik der Macht. Und es finden sich in beiden Teams politische Präzisionshandwerker.

Es stimmt, beide Verhandlungspartner entstammen sehr unterschiedlichen Denksphären. Doch die Positionen sind nicht mehr so diametral entgegengesetzt, wie sie noch vor geraumer Zeit erschienen. Die Volkspartei hat aufgehört, die Bastion erzkatholischer Landwirte und stockkonservativer Kaufleute zu sein. Und die Grünen sind längst dem linksalternativen Milieu entwachsen, dem sie ursprünglich entstammten. Beide Parteien haben sich zu Sammelbewegungen entwickelt, deren Wählerschaft viele verschiedene Interessengruppen vereinigt. Sie sind ungleich heterogener als noch vor einigen Jahren. Das musste auch Sebastian Kurz erfahren, als in der Zeit seiner kurz währenden Koalition mit den Freiheitlichen der parteiinterne Dissens immer stärker anwuchs. Das mussten die Grünen erleben, als sie sich notgedrungen während ihres Kampfes um den Wiedereinzug in den Nationalrat auf eine breitere Basis stützten.

Klar, für die einen hat Ökologie, für die anderen Ökonomie Priorität. Aber das sind längst nicht mehr unversöhnliche Materien. Vielmehr finden sich zahlreiche Lösungsansätze, die beide politischen Domänen vereinen – etwa was den Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder die Umgestaltung des Steuersystems zu einer ökologischeren Abgabenarchitektur betrifft. Ähnliches gilt für das kontroverse Politikfeld der Migration. Beide Verhandlungspartner wissen, dass sowohl robuster Grenzschutz als auch vertiefte Integration notwendig sein werden, um die brisante Situation zu entschärfen. Dazu bedarf es durchdachter Strategien und der Bereitschaft beider Parteien, sich von der Ära der Symbolpolitik zu verabschieden.

Es wäre naiv, anzunehmen, in den bisher 40 Stunden dauernden Sondierungsgesprächen seien lediglich atmosphärische Fragen zur Debatte gestanden. Natürlich wurden politische Inhalte abgetastet – schon allein, um über die Sinnhaftigkeit von Koalitionsverhandlungen entscheiden zu können. Die einstimmige Zustimmung beider Parteigremien legt nahe, dass bereits genügend konkrete Ideen vorliegen.

Europa wird nun sehr genau die Entwicklung in Österreich beobachten. Womöglich entsteht hier ein neues Regierungsmodell abseits einer lähmenden großen Koalition oder der Einladung an die Rechtspopulisten, im Machtapparat mitzumischen.

Österreich hatte bei dem Aufstieg der Rechten eine Pionierrolle gespielt – nirgendwo anders waren sie frühzeitig so rasant und so mächtig angewachsen. Gut möglich, dass nun Österreich erneut eine Vorreiterfunktion übernimmt: Wie kann sich ein Land, das bislang hilflos auf das scheinbar nicht zu stoppende Anwachsen rechten Gedankengutes starrte, aus eigener Kraft neu erfinden? Es wäre nicht das schlechteste Modell für den Kontinent.