Die Werftarbeiter packten mit an – Seite 1

Es gibt Bauten, die sind so einfach, dass man sie leicht übersieht. Doch eben die Einfachheit ist das Besondere, und wenn man nur wenig daran verändert, ist die Wirkung rasch dahin. Zu diesen Bauten gehört die Rostocker Kunsthalle, ein auf den ersten Blick wenig aufregender Kubus mit Formfliesen an der Fassade, der am Rand des Schwanenteichs im Komponistenviertel steht. Es ist der einzige dezidiert für die Ausstellung von Kunst gedachte Museumsneubau, den die DDR in ihren vierzig Jahren Existenz zustande brachte. Und einzigartig ist sein Erhaltungszustand: von den Glasoberlichtern aus Industriefertigteilen über die gebohnerten Ziegelböden bis zu Fenstergittern und Türklinken, so gut wie alles aus dem Einweihungsjahr 1969 konnte bewahrt bleiben. Bis jetzt.

Es droht eine "Grundsanierung" des Museums, die zweifellos das Beste will, aber genau deswegen das Besondere zu zerstören droht.

Schon 1964 vom Ministerrat der DDR beschlossen, wurde die Kunsthalle nach einem komplizierten Planungsprozess errichtet, geplant worden war sie von Hans Fleischhauer und Martin Halwas. Immerhin 1,6 Millionen DDR-Mark konnten verbaut werden. Wichtiger aber wurde angesichts des Materialmangels die Hilfe der benachbarten Werften und ihrer Werkstätten, die viele Metallbauteile fertigten. Gedacht war die Kunsthalle als Hauptausstellungshaus der seit 1958 veranstalteten Ostsee-Biennale, eines Schaufensters der DDR-Kulturpolitik. Dazu passte die Architektur, die sich überdeutlich am International Style westlicher Prägung orientierte und von dem kurzen kulturellen Tauwetter zeugt, das es seinerzeit in der DDR gab.

So gibt es in der Rostocker Kunsthalle den engen Landschaftsbezug wie im Hamburger Barlach-Haus. Wie im New Yorker Museum of Modern Art oder in der Westberliner Akademie der Künste hat man einen kleinen Innenhof für Skulpturenausstellungen eingerichtet. Und wie in skandinavischen Kunsthallen oder im Osloer Munch-Museum bieten auch hier die Museumssäle viel Holz, schlichte Ziegelwände, Sichtbeton, schlanke Konstruktionen und Fußböden aus Ziegel, Schiffsparkett sowie mildes Oberlicht.

Kürzlich wurde der klare Kubus durch einen Anbau nach den Plänen von Buttler Architekten als Schaudepot ergänzt. Dasselbe Büro soll nun auch die überaus problematische Grundinstandsetzung planen. Ein "Spagat" sei gefordert zwischen Denkmalpflege und "Forderungen der heutigen Zeit", sagt die Chefin der für die kommunalen Bauten Rostocks zuständigen Eigenbetriebs KOE-Rostock, Sigrid Hecht. Denn die Kunsthalle sei "verschlissen", die "Grundinstandsetzung" nötig. Doch alles werde selbstverständlich mit dem Denkmalamt abgesprochen: "Die Kunsthalle ist nämlich etwas ganz Besonderes."

Auch sonst hört man in Rostock viele Liebeserklärungen. Längst vergessen ist, dass die Stadt ihr Museum lange sogar abreißen wollte, wäre es nicht vor allem durch das Engagement des Zahnarztes Uwe Neumann gerettet worden, der 2009 die Direktion des Hauses übernahm. Auch er fordert: "Das Haus muss dringend saniert werden, auch weil wir nicht barrierefrei sind. Dennoch würde ich mich freuen, wenn der Charakter des Hauses im großen Maße erhalten bleibt."

Ein Gebäude mit Schrullen und Gebrechlichkeiten

Stadt und Land und vor allem die EU – sie steuert 4,2 Millionen bei – stellen etwa 8,3 Millionen Euro für die Sanierung zur Verfügung. Zur Einordnung: Für die Restaurierung der Berliner Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe gibt der Bund etwa 7900 Euro pro Quadratmeter Gesamtfläche aus, Rostock muss mit knapp 2700 Euro pro Quadratmeter zurechtkommen.

Aber es sind nicht nur die knappen Mittel, die hier dafür sorgen, dass auf die einzigartigen und für die Gesamtwirkung unerlässlichen Details nur bedingt Rücksicht genommen werden kann. Ihre Bedeutung ist bisher oft nicht ausreichend erkannt worden, eben weil sie so simpel erscheinen.

Etwa die Ziegelböden, die eine in Jahrzehnten gewachsene Patina aufweisen. Wenn die Ziegel jetzt herausgenommen werden, wird die Patina zwangsläufig zerstört sein. Selbst eine "Grundreinigung" – an einigen Stellen wurde sie schon durchgeführt – hat bereits zur Folge, dass aus satt dunkelviolett schimmernden Oberflächen ein flaches Backsteinorange wird. Ähnlich verhält es sich mit den Fliesen der Fassade, die direkt auf den Betonkern montiert wurden: Sie würden keine Isolierungsmaßnahme überstehen. Hier kommt der Klimaschutz wie so oft dem Denkmalschutz empfindlich in die Quere.

Die Glasplatten, aus denen die mild schimmernden Oberlichter konstruiert sind, stammen eigentlich aus dem Industrie- und Agrarbau. Wenn sie nun, wie geplant, durch moderne Oberlichter ersetzt werden, geht nicht nur eine vorzügliche Beleuchtung verloren, sondern auch ein herausragendes Dokument der für den Sozialismus so notwendigen Improvisationskunst zugrunde.

Man spricht in Rostock von Denkmalpflege und meint schöne Ansichten. Doch der Witz der Rostocker Kunsthalle ist, dass sie so unperfekt ist, mal ästhetisch raffiniert, mal solides Werft-Handwerk. Sie sollte also nicht saniert, sondern allenfalls vorsichtig restauriert werden, eben wie die Neue Nationalgalerie in Berlin, in der selbst Pressspanplatten und Wandverkleidungen sorgfältig demontiert wurden. Nicht die Anforderungen des Hauses und der Jetztzeit sollten in Rostock im Vordergrund der Planungen stehen, sondern das historisch gewordene Gebäude mit all seinen Schrullen und Gebrechlichkeiten. Es ist ein Denkmal, wie es kein zweites gibt, ein Stück großartiger DDR-Geschichte. Genau als solches muss man es bewahren.