Schon vor 30 Jahren protestierten in New York die Guerilla Girls gegen die Männerherrschaft in den Kunstmuseen. Schon vor 40 Jahren appellierten afrikanische Staaten an Europa, geraubte Kunstwerke aus der Kolonialzeit zurückzugeben. Schon vor 50 Jahren beklagten Künstler wie Hans Haacke den Einfluss dubioser Sponsoren auf die Museen und riefen dazu auf, sich gegen das schmutzige Geld zu wehren.

Was folgte? Die Museen, Orte der Aufklärung und Selbstreflexion, taten in all den Jahrzehnten, was sie am liebsten tun: Sie zeigten sich zeitresistent. Vermutlich hofften sie, die Proteste würden von allein wieder verschwinden. Das allerdings ist nicht geschehen, im Gegenteil, die Kritik hat sich deutlich verschärft. Mehr Menschen denn je wollen heute wissen, was sich hinter dem schönen Schein der Kunst, hinter den dicken Mauern der Museen verbirgt: Wer hat die Macht? Woher kommt das Geld? Sie verlangen demokratische Mitsprache.

Manchmal wenden sich die Proteste gegen fragwürdige Trustees (wie jüngst am Whitney Museum und am MoMA in New York), manchmal gegen Sponsoren und ihre unrühmlichen Geschäfte (wie auf der Sydney-Biennale). Neuerdings müssen auch Kuratoren mit einem Shitstorm rechnen, beispielsweise wenn sie wieder einmal mehr Männer als Frauen in ihre Ausstellung eingeladen haben. Das Museum der Digitalmoderne ist ganz offensichtlich ein politisiertes Museum. Willkommen in der Gegenwart!

Allerdings gelten die Proteste keineswegs nur der Institution, sie gelten auch dem, was dort zu sehen ist: den Werken der Kunst. Der Kanon müsse neu ausgehandelt werden und zwar möglichst demokratisch, so die Forderung. Nicht Kuratoren oder Sammler allein sollten entscheiden, auch die Besucher müssten ihre Vorlieben einbringen dürfen (ZEIT Nr. 45/19).

Wie groß das Verlangen ist, die tradierte Ordnung zu stören, ließ sich in den letzten Jahren immer wieder beobachten, vor allem per Internet-Petition wurden Museen dazu aufgerufen, ihre bisherige Ausstellungspolitik zu überdenken. So verlangten vor zwei Jahren über 830.000 Menschen, eine Videoarbeit über Hundekämpfe der Künstler Peng Yu und Sun Yuan wegen zu großer Grausamkeit aus dem Guggenheim in New York zu entfernen, was das Museum bereitwillig tat. Ein ähnlicher Fall ereignete sich kürzlich in London: Gemälde des Künstlers SKU, die mit islamischen Zitaten arbeiten, wurden mit grauen Tüchern abgehängt, weil sich Besucher der Saatchi Gallery beschwert hatten, die Kunstwerke verletzten die religiösen Gefühle von Muslimen.

Noch vor wenigen Jahren wäre den Museen klar gewesen, welche Rolle sie in solchen Konflikten zu spielen haben: Sie hätten die Freiheit der Kunst gegen alle Proteste verteidigt. Undenkbar, dass ein Sammler wie Charles Saatchi den Haifisch in Formaldehyd von Damien Hirst oder ein Marienbild aus Elefantendung von Chris Ofili verhüllt hätte. Erst heute, in Zeiten der cancel culture, sinkt die Bereitschaft vieler Ausstellungshäuser, sich gegen das demokratische Verlangen nach Einspruch zu wehren.

Die Museen der Digitalmoderne sind eben nicht länger die Museen der Moderne, und ja, sie sind es aus guten Gründen nicht. Sie haben begriffen, dass die klassische Fortschrittsgeschichte der Kunst, die in der Heroengeschichte der Avantgarde ihren Höhepunkt fand, viele blinde Flecken aufweist, weil sie meist aus einer eurozentrischen, männlichen, weißen Perspektive erzählt wurde. Je kosmopolitischer aber das Publikum der Museen wird, je weiter sich die Gesellschaft pluralisiert, als desto berechtigter erweisen sich jene Forderungen, die den Kanon der Kunst neu bestimmen wollen.