Der Liberalismus steckt weltweit in der Krise. Der Populismus, insbesondere von rechts außen, ist ein Symptom dieser Krisenhaftigkeit. Wie antwortet der Liberalismus darauf? Welche neuen Lösungen bieten sich dem Spektrum der liberal-demokratischen Parteien, das von den Sozialdemokraten und Grünen bis zu den Liberal-Konservativen reicht? Aktuell lassen sich ganz unterschiedliche Strategien beobachten, die scheinbar kein klares Bild bieten: Setzt der Liberalismus unbeirrt seinen Pfad der letzten Jahrzehnte fort und spitzt seine Antwort auf diesem Wege zu? Das ist der Weg Emmanuel Macrons in Frankreich. Wendet man sich nach links, wie es – mit breiter Unterstützung einer jungen, progressiven Generation – bei den US-amerikanischen Demokraten Bernie Sanders und Elizabeth Warren fordern? Oder wird das liberale Zentrum konservativer und nationaler, also seinerseits rechter, wie es die ÖVP mit Sebastian Kurz oder die dänischen Sozialdemokraten unter Mette Frederiksen vertreten?

Die politische Gemengelage ist aktuell unübersichtlich. Wenn man den politischen Umbruch begreifen will, in dem wir uns in den westlichen Ländern befinden, muss man ihn jedoch aus größerer Distanz und mit mehr historischer Tiefenschärfe betrachten. Dann ergibt sich in der scheinbaren Widersprüchlichkeit der Reaktionen doch ein überraschend kohärentes Bild. Wir befinden uns nämlich momentan in der Phase eines grundsätzlichen politischen Paradigmenwechsels, wie es ihn in der jüngeren Vergangenheit erst zwei Mal gegeben hat, nämlich nach 1945 und nach 1980. Entscheidend ist: Schon diese vergangenen politischen Paradigmenwechsel – und genauso wenig der gegenwärtige – lassen sich nicht anhand des eingeübten Rechts-links-Schemas begreifen. Die politische Geschichte von 1945 bis heute ist weniger als eine Abfolge von Regierungen der Linken und der Rechten, sondern als eine von übergreifenden Paradigmen zu verstehen, die auf entgegengesetzten Vorstellungen gesellschaftlicher Ordnung beruhen: entweder auf dem Ideal einer Regulierung oder dem einer Dynamisierung von Ordnung. Diese Paradigmen entstehen jeweils als Antworten auf historische Krisen: Regulierungsparadigmen antworten auf Krisen der Überdynamisierung, Dynamisierungsparadigmen auf ein Zuviel an Regulierung. Auch die gegenwärtige Herausforderung lässt sich so dechiffrieren: als die Herausforderung zur Entwicklung eines neuen Regulierungsparadigmas, das auf die sozioökonomische und die soziokulturelle Doppelkrise antwortet, die den Westen erfasst hat.

Gehen wir zunächst einen historischen Schritt zurück – in die Nachkriegsgesellschaft. In den USA, Großbritannien, Frankreich, Skandinavien und auch in Westdeutschland herrschte von 1945 bis in die 1970er-Jahre hinein quer zu den Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Konservativen eine Art stillschweigender Konsens: Das übergreifende politische Paradigma, das hier galt, setzte massiv auf nationale Ordnungsbildung, auf sozioökonomische, aber auch auf kulturelle Regulierung. Nationale, keynesianische Wirtschaftssteuerung und Sozialstaat, Verbändedemokratie, gleicher Lebensstandard für alle waren die Maximen. Dieses Regulierungsparadigma hatte auch eine kulturelle Dimension, die auf Gemeinschaft und das Kollektiv setzte: Das "Volksheim" der schwedischen Sozialdemokraten und die "formierte Gesellschaft" Ludwig Erhards waren zwei Seiten derselben Medaille. Natürlich – im Rahmen des Regulierungsparadigmas spielte die Differenz zwischen links und rechts durchaus eine Rolle: Die sozialdemokratischen Versionen etwa setzten auf Bildungsexpansion, die christdemokratischen auf die traditionelle Familie. Aber in seinen Grundmaximen, den nationalen Planungs- und kulturellen Kollektividealen war man sich doch recht einig. Diesen Grundantrieb versteht man wahrscheinlich am besten, wenn man Franklin D. Roosevelts bereits 1933 initiiertes Programm des "New Deal" als die Blaupause dieses Regulierungsparadigmas betrachtet: Es war die Antwort auf einen entfesselten Kapitalismus, der Massenarbeitslosigkeit und Verarmung bewirkte, aber auch auf eine Kultur der Anomie und Desintegration vor allem in den Großstädten, die sich in der entfalteten Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts ausbildete.