Das Regulierungsparadigma dominierte das Regierungshandeln in den westlichen Ländern von links bis rechts bis in die 1970er-Jahre hinein. Es war ein erfolgreiches Paradigma, welches Massenwohlstand und sozialen Zusammenhalt sicherte – dann jedoch geriet es in eine tief greifende Krise und kollabierte innerhalb eines Jahrzehnts. Diese Krise ist lehrreich, weil wir uns gegenwärtig in einer ähnlichen Konstellation befinden. Wichtig ist, dass die Krise der 1970er-Jahre zwei Aspekte umfasste: einen sozioökonomischen und einen soziokulturellen. Auf der einen Seite brach das Wachstumsmodell des nationalstaatlichen Keynesianismus zusammen, es gab erstmals wieder Massenarbeitslosigkeit, die Inflation galoppierte, die Staatshaushalte verschuldeten sich, es kam zu Arbeitskämpfen, das Währungssystem von Bretton Woods brach 1973 zusammen. Nahezu zeitgleich fand nach 1968 die antiautoritäre Studentenbewegung statt, die der formierten Gesellschaft das Vertrauen entzog: Die Akademiker, damit die Funktionseliten von morgen, probten den Aufstand gegen ein als repressiv empfundenes System. Die offenkundigen sozioökonomischen und die soziokulturellen Probleme hatten dabei tiefe Wurzeln: Die Grundlagen des ökonomischen Modells des nationalen Industriekapitalismus, auf dem die Politik der Nachkriegszeit beruhte, erodierte durch Automatisierung, sich anbahnende Globalisierung und neue Konsumnachfrage. Die postindustrielle Ökonomie bahnte sich an und mit ihr das allmähliche Verschwinden der Industriearbeiterschaft; der Weltmarkt bewirkte die Schwächung nationaler Steuerungsmöglichkeiten. Gleichzeitig erodierten die Grundlagen des kulturellen Modells der "Gesellschaft der Gleichen" (Pierre Rosanvallon) mit dem Wertewandel in Richtung Selbstentfaltung, Individualismus und Konsummöglichkeiten. Das Regulierungsparadigma geriet damit also in eine doppelte Überregulierungskrise: eine Überregulierung der Ökonomie, die nur noch Arbeitslosigkeit, Inflation und Verschuldung brachte, und eine Überregulierung der Kultur, welche die individuellen Entfaltungswünsche unbefriedigt ließ.

Was war die Antwort auf die Überregulierungskrise der Siebzigerjahre? Eine lange gepflegte Deutung sieht folgendermaßen aus: Auf die Ära der Sozialdemokratie folgte der Neoliberalismus; das Pendel schwang also von links nach rechts. Aber mittlerweile sollte deutlich geworden sein, dass diese Lesart zu einfach ist. Wie gesagt: Schon das Regierungshandeln der 1940er- bis 1970er-Jahre war nicht einfach sozialdemokratisch, es war ein Regulierungsparadigma, das auch Konservative wie de Gaulle, Adenauer oder Eisenhower umfasste. Aber auch das nach 1980 sich allmählich herauskristallisierende neue Paradigma ist keineswegs nur neoliberal. Es ist neoliberal und linksliberal zugleich. Es handelt sich hier um ein umfassendes liberales Dynamisierungsparadigma, das eine sozioökonomische und eine soziokulturelle Seite hat: Auf der einen Seite ging es um eine Deregulierung der Märkte, um eine Förderung des Unternehmerischen, um ein Zurückfahren der staatlichen Leistungen und um Privatisierung. Das Modell war nun nicht mehr der Wohlfahrtsstaat, sondern der Wettbewerbsstaat, der Wettbewerbsfähigkeit im Rahmen einer globalen Ökonomie ins Zentrum stellt. Aber der neue Liberalismus der 1980er- bis 2000er-Jahre hatte auch eine linksliberale Seite: Der Politik ging es in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung um die Förderung von individuellen Persönlichkeitsrechten – etwa von Frauen und Minderheiten – und um eine Förderung der Vielfalt der Identitäten. Emanzipation, Expansion subjektiver Rechte und Diversität sind hier Leitbegriffe. Während der Neoliberalismus zunächst von konservativen Regierungen wie denen von Thatcher und Reagan forciert wurde, entwickelten sich später auch sozialdemokratische Versionen bei Blair, Clinton und Schröder. Gerade dort verknüpfte er sich mit dem Linksliberalismus der subjektiven und kollektiven Rechte von Individuen und Gruppen. Auch wenn Neo- und Linksliberalismus zeitweise miteinander verfeindet waren, stellen sie sich doch beide als zwei Seiten eines liberalen Paradigmas der Entgrenzung heraus, dessen gemeinsamer Gegner die Regulierung der Nachkriegszeit war: Es ging um eine Entfesselung der Märkte und der Identitäten, es ging nicht um Grenzerhaltung, sondern um Grenzüberschreitung, nicht um Strukturbildung, sondern um die Sprengung überholt scheinender Strukturen. Der planende und kontrollierende Staat solle sich zurückziehen; auf der einen Seite sollen die Märkte regieren, auf der anderen die subjektiven Rechte. Der neue Liberalismus forcierte den Individualismus und die Globalisierung – auf beiden Flügeln.

Das liberale Dynamisierungsparadigma ist nun jedoch selbst in eine tief greifende Krise geraten. Eine Zeit lang schien es erfolgreich und attraktiv, aber seit 2010 werden die unerwünschten Konsequenzen sichtbar. Der Aufstieg des Populismus ist ein Symptom dieser Krise. Wenn wir gelernt haben, den politischen Wandel als Dialektik von Regulierungs- und Dynamisierungsparadigmen und als Bewältigung von ökonomischen und kulturellen Doppelkrisen zu deuten, können wir erst richtig verstehen, was diese Krise genau ausmacht. Auch gegenwärtig befinden wir uns – wie in den 1970er-Jahren – in einer ökonomischen und kulturellen Krise. Nur handelt es sich nicht mehr um eine Krise, die sich aus einem Übermaß an Regulierung, sondern aus einem Übermaß an Dynamisierung ergibt. Die neoliberale Politik hat den Strukturwandel gefördert, aber sie hat auch soziale Ungleichheiten und Marktversagen vom Verfall der öffentlichen Infrastruktur bis hin zur globalen Finanzkrise hervorgebracht. Grundsätzlicher noch: Der Strukturwandel zur postindustriellen Ökonomie hat eine sozioökonomische Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern, zwischen den Hochqualifizierten in der Wissensökonomie und den Niedrigqualifizierten in den einfachen Dienstleistungen, auch zwischen prosperierenden Metropolen und abgehängten Regionen zur Folge, auf die der Neoliberalismus keine Antwort mehr bietet. Aber auch die linksliberale Politik hat ihre Schattenseiten demonstriert: Ein Liberalismus, in dem jedes Individuum und jede (Identitäts-)Gruppe auf ihre subjektiven Rechte pocht, lässt kollektive Verpflichtungsgefühle gegenüber einem Gemeinwohl altmodisch erscheinen und erodieren. Grundsätzlicher noch: Die Grenzen zwischen einer Kultur der individuellen Selbstverwirklichung und einem blanken Egoismus, der Institutionen und Regeln zivilen Verhaltens nicht mehr respektiert, wird mittlerweile leicht überschritten.

Wir werden damit Zeuge einer ironischen Dialektik des historischen Prozesses: Hatte sich die Krise der 1970er-Jahre aus einem Zuviel an ökonomischer und kultureller Regulierung ergeben, so ist das Pendel innerhalb von 40 Jahren sehr deutlich zur anderen Seite geschwungen. Die gewünschte Dynamisierung des Sozialen lässt nun den Ruf nach neuen Ordnungsstiftungen dringlich werden. Gefragt ist ein neuerlicher politischer Paradigmenwechsel, der die Dynamisierung der Märkte und Identitäten seinerseits einer Regulierung unterzieht, sie gewissermaßen in neue soziale, kulturelle und staatliche Regeln einbettet: Gefragt ist ein einbettender Liberalismus. Man kann ihn sich in unterschiedlichen progressiven und konservativen Spielarten vorstellen, aber grundsätzlich ist er weder einfach "linker" oder einfach "rechter" als die Synthese aus Neo- und Linksliberalismus es war. Denn die Frage "Regulierung oder Dynamisierung" verläuft quer zur Links-rechts-Unterscheidung.