Man sieht, dass ein Verharren im Links-rechts-Schema uns die Einsicht in die Komplexität der Überdynamisierungskrise verschließt: Während die Linke den Finger in die Wunde des Neoliberalismus legte, blieb sie lange Zeit stumm, was die kulturelle Krise des Hyper-Individualismus und einer Identitätspolitik partikularer Gruppen anging. Umgekehrt weisen die Konservativen und Kommunitaristen gern auf problematische Folgen übersteigerter Selbstverwirklichung hin, aber blieben lange Zeit blind gegenüber der Vernachlässigung öffentlicher Infrastrukturen und neuer sozialer Ungleichheit. Man muss jedoch die doppelte Krise erkennen und nach einer doppelten Antwort suchen. Es wird damit auch deutlich: Der Populismus hat sich gerade dann erfolgreich etablieren können, wenn er geschickt auf die ökonomische und die kulturelle Krisenhaftigkeit zugleich reagiert hat. Genau dies charakterisiert etwa Marine Le Pen in Frankreich, die auf die Kehrseite der ökonomischen Globalisierung für die alte Mittelklasse und zugleich auf die kulturelle Desintegration hinweist. Allein: Die Antwort des Populismus auf den Liberalismus ist nicht Regulierung, sondern nationalistische Schließung – eine Schließung von Nationalökonomien und Nationalkulturen, die in mancher Hinsicht einer nostalgischen Sehnsucht nach der nationalen Industriegesellschaft der Fünfzigerjahre geschuldet ist und mit einem illiberalen Freund-Feind-Verständnis verknüpft ist.

In diesem Deutungsrahmen wird sichtbar, welchen Weg die Parteien, welche den Liberalismus der letzten Jahrzehnte getragen haben, gehen müssen, um eine adäquate Antwort auf die neue Doppelkrise zu bieten: Was ansteht, ist die Entwicklung eines neuen Regulierungsparadigmas, das auf die ökonomischen und kulturellen Krisen zugleich antwortet. Es kann jedoch nicht mehr identisch sein mit der alten Regulierung der Nachkriegszeit, da Globalisierung, Postindustrialisierung und kulturelle Pluralisierung (auch durch Migration) deren Voraussetzungen als überholt erscheinen lassen. Eine autarke Nationalökonomie oder eine homogene nationale Gemeinschaft können nicht das Ziel des neuen Paradigmas sein.

Ein einbettender Liberalismus müsste demgegenüber auf sozioökonomische und soziokulturelle Ordnungsbildung inmitten der globalen Dynamik setzen: Auf der einen Seite steht eine Revitalisierung der öffentlichen Infrastrukturen von der Bildung über die Gesundheit und das Wohnen bis zum Verkehrswesen, eine Verringerung der Schere der Ungleichheit zwischen Prekärbeschäftigten und Superreichen sowie eine Abmilderung der ökonomischen Auseinanderentwicklung von Stadt und Land an. Auf der anderen Seite steht eine selbstbewusste Durchsetzung gemeinsamer Grundwerte auf der Agenda, etwa wenn es um die kulturelle Integration von Migranten und Einheimischen, eine Kultur sozialer Dienste, öffentliche Sicherheit oder eine Verteidigung ziviler Normen in den aggressiven Foren des Internets geht. Während der Dynamisierungsliberalismus auf Differenzen gesetzt hat, müsste das neue Regulierungsparadigma eine Rekonstitution des Allgemeinen im Sozioökonomischen wie im Kulturellen versuchen. Der einbettende Liberalismus wird dabei stärkere Vorstellungen des Sozialen und der Kultur entwickeln sowie eine aktivere Rolle des Staates vorsehen, als sie im Liberalismus der Märkte und der subjektiven Rechte galten. Ein solcher einbettender Liberalismus kann stärker progressiv oder stärker konservativ ausgerichtet sein. Die Herausforderung ist dabei generell, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte der globalen Dynamisierung und Liberalisierung – die Emanzipationsgewinne des Linksliberalismus und die Gewinne an globaler Wettbewerbsfähigkeit durch den Neoliberalismus – zu bewahren und weiterzuentwickeln und zugleich regulierend einzugreifen. Genau diese Balance ist es, die einen einbettenden Liberalismus vom Populismus unterscheidet.