Der Außenminister in Bern zog es vor zu schweigen. "Es ist unmöglich, dass Bundesrat Felber zu allen politischen Ereignissen gegenüber Journalisten Stellung nehmen kann", ließ er dem Tages-Anzeiger ausrichten: "Schließlich geschieht fast jeden Tag etwas Wichtiges."

Der Sozialdemokrat René Felber war am 10. November 1989, einen Tag nach dem Mauerfall, allerdings nicht der einzige Schweizer, den die historische Urteilskraft verlassen hatte. Es dauerte fünf Tage, bis die Regierung eine Pressekonferenz gab, und mehr als einen Monat, bis das Parlament, spätabends am zweitletzten Sitzungstag, darüber diskutierte, was in dieser Novembernacht beim großen Nachbarn eigentlich passiert war. Wobei die Debatte bereits nach zwei Wortmeldungen wieder geschlossen wurde. Feierabend statt Weltpolitik.

Schweigen im Bundesrat. Ignoranz im Parlament. Die offizielle Schweiz wurde vom Mauerfall, wie alle Länder, überrumpelt. Sie wusste nichts dazu zu sagen. Sie hatte es sich im Kalten Krieg allzu bequem eingerichtet. "In Watte", wie der Historiker Thomas Maissen kürzlich sagte. Eigentlich neutral, aber doch unterm Schutzschirm des Westens.

Auch in der Schweizer Botschaft in Ost-Berlin griff am späten 9. Novemberabend niemand zum Telefon, um in der Berner Zentrale anzurufen. Als die Mauer fiel, saß der Botschafter Franz Birrer mit seiner Gattin beim Znacht. Eingeladen von seinem Kollegen aus Marokko. Da wurde sein Gastgeber ans Telefon gerufen und berichtete, als er an den Tisch zurückkehrte: "Die Mauer ist offen!" Gegen 22 Uhr, so erzählt es Birrer später der Neuen Luzerner Zeitung, machten sich die Schweizer auf den Heimweg. An der Bornholmerstraße sahen sie, wie die Menschen ohne Kontrolle die Grenze überquerten. Am Checkpoint Charlie aber war die Mauer aus dem Osten noch dicht. Wie würde die DDR-Führung reagieren? "Ich hatte größere Bedenken", sagte der heute 87-jährige Birrer.

Die Depeschen und Berichte des letzten Schweizer Botschafters in der DDR veröffentlichte der deutsche Historiker Bernd Haunfelder 2017 in seinem Buch Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten. Der Spiegel war irritiert vom "erstaunlichen Verständnis für das Honecker-Regime" und schrieb von einer "skurrilen Diplomatenpost". Tatsächlich verblüffen rückblickend einige Aussagen. Birrer attestierte der SED-Führung den guten Glauben und den Willen, "eine neue und bessere Gesellschaft aufzubauen". Eine Woche nach dem Mauerfall schrieb er den merkwürdigen Satz: "Die 'Mauer' ist nicht, wie vielfach behauptet wurde, gefallen." Es seien lediglich "zahlreiche neue Grenzübergangsstellen geschaffen worden". Auch bei den Visa-Anträgen nahm es die Schweiz peinlich genau. Obschon alle DDR-Bürger, die nach Westdeutschland reisten, dort den BRD-Pass erhielten und ohne Visum in die Schweiz einreisen konnten, beharrte Bern darauf: Ossis, die mit ihrem alten Pass einreisen wollten, mussten entweder eine Einladung mitbringen oder pro Tag und Person 100 Franken mitführen.

Diesen Herbst wurde der vertrauliche Abschlussbericht des Botschafters Birrer vorzeitig freigegeben. Er ist auf den 2. Oktober 1990 datiert, den Tag vor der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands, und trägt den Titel: Adieu, DDR!

Fehlte dem Botschafter ein Jahr zuvor noch das Gespür für die historische Dimension des Moments, so liest sich sein letzter Bericht aus Berlin wie eine Vorwegnahme dessen, was auf den Osten zukommen sollte. Franz Birrer warnte darin, dass die "überstürzte Einheit Deutschlands" einschneidende Folgen für den Osten haben werde: Er drohe seine Produktion und Wertschöpfung zu verlieren. Der Botschafter fragte sich deshalb, vermutlich rhetorisch, ob eine daraus "beinahe naturnotwendig folgende Radikalisierung" des Ostens vermieden werden könne.

"Sie [die Wiedervereinigung] ist nicht eine Vereinigung, sondern eine Einnahme der DDR durch die BRD", schrieb der Innerschweizer. Was unter anderem daran zu erkennen sei, "dass ab morgen westdeutsche Beamte, Richter, Wirtschaftsführer etc. in dieses Land 'einmarschieren' und die DDR-Leute verdrängen werden."