Das Porträt ist vor der Entscheidung der SPD-Mitglieder veröffentlicht worden.

Die neoliberale Pampa ist ein Ort, den man ganz gut mit dem Bus erreichen kann. Man muss nur einen Fahrer hinter das Lenkrad setzen, der lieber fremden Einflüsterern vertraut als der eigenen Landkarte – und an der wichtigsten Weggabelung falsch abbiegt. So wie es dem SPD-Bus mit Gerhard Schröder am Steuer passiert ist.

Die Geschichte von der "neoliberalen Pampa" und dem Bus erzählt Norbert Walter-Borjans gern. Sie kam immer gut an auf den 23 Veranstaltungen, auf denen die SPD nach einer Führung fahndete. Und sie funktioniert auch jetzt noch. Denn etwas schwingt unausgesprochen stets mit: Der damalige Generalsekretär Olaf Scholz fuhr mit im Pampa-Bus, als Fahrkartenkontrolleur. Also ist Scholz mitverantwortlich dafür, wo sich die SPD heute befindet: dort, wo man vor lauter Ödnis keine Wähler mehr sieht.

Jetzt, in der entscheidenden Phase, konzentriert sich der Kampf um den SPD-Vorsitz auf das Duell Scholz gegen Walter-Borjans, auch bekannt als Nowabo. Der Mann, den die Genossen als Finanzminister haben, gegen den, den viele von ihnen gerne hätten. Der Verteidiger der schwarzen Null gegen den forschen Geldausgeber. Der Jurist, der unbedingt Kanzler werden will, gegen den Diplom-Volkswirt, der noch nicht einmal einen Kanzlerkandidaten für notwendig hält. Der Favorit des Establishments gegen den Außenseiter von links.

Die Geschichte ist so gut, dass für die beiden Frauen, mit denen sie antreten – Klara Geywitz und Saskia Esken –, bis zum 30. November, dem Tag der Entscheidung, lediglich Nebenrollen bleiben. Das liegt vor allem daran, dass die Sozialdemokraten, die Scholz partout nicht wollen – und davon gibt es reichlich –, ihre Hoffnungen ganz explizit an Walter-Borjans knüpfen. Der 67-Jährige soll ihnen zurückbringen, was Scholz und Co. einst verschwinden ließen: die eigene Landkarte.

Wer könnte das besser als ein Ex-Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, der gegen heftigen Widerstand gestohlene Datensätze aufkaufte und damit Steuerbetrüger zur Kasse bat? Der eine "präventive Sozialpolitik" finanzierte? Der schwule und lesbische Paare steuerlich gleichstellte? In den Augen seiner Unterstützer besitzt Walter-Borjans genau das, was der SPD abhandenkam: Glaubwürdigkeit.

Ökonomen, die sich selbst als "eher links" bezeichnen, sind am Mittwoch vergangener Woche in die DGB-Zentrale am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte gekommen, um einen ihrer Prominentesten zu ehren. Der Wirtschaftswissenschaftler Gustav Horn wurde bekannt mit Schriften wie Des Reichtums fette Beute. Wie die Ungleichheit unser Land ruiniert und Die deutsche Krankheit: Sparwut und Sozialabbau. Im Oktober feierte er seinen 65. Geburtstag, nun wollen ihn Kollegen, Weggefährten und Anhänger, darunter diverse SPD-Abgeordnete, noch einmal hochleben lassen. Und zwar so, wie man das für einen ordentlichen Professor macht: mit einem Vortrag und anschließender Diskussion. Walter-Borjans ist auch da. Er hat mit Horn studiert und ist, wie dieser, ein Außenseiter seiner Zunft.

Ökonomen und Sozialdemokraten dürfen wieder vom starken Staat träumen

Von Wut und Frust ist dann viel zu hören, aber auch von Hoffnung. Von der Wut darüber, dass die Politik sich jahrzehntelang am Spar- und Sozialabbau-Dogma konservativer Ökonomen orientiert habe, am Deregulieren und Privatisieren, selbst dann, als die Sozialdemokraten noch den Kanzler stellten. Vom Frust darüber, dass Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, SPD-Chef der eine, Fraktionsvorsitzender der andere, einst 20 linke Ökonomen um sich sammelten, sich über einen längeren Zeitraum beraten ließen – und am Ende kein einziger von deren Vorschlägen den Weg ins SPD-Programm fand. Den "absoluten Tiefpunkt meiner Karriere" nennt das ein Wirtschafts-Prof, der damals dabei war. Die Hoffnung erwächst daraus, dass es allmählich vorbei sein könnte mit der Zeit, als SPD-Kanzler und SPD-Vorsitzende sich gebauchpinselt fühlten, wenn konservative Ökonomen sie lobten. Vorbei mit der einseitigen Politikberatung. Nun dürften, wie Horn vorträgt, Ökonomen wieder vom starken Staat, von Konjunkturprogrammen und von der Sinnhaftigkeit von Schulden sprechen und darauf setzen, Gehör zu finden. Bei Walter-Borjans ohnehin – der dachte schon immer so. Neue Schulden bedeuten für ihn bis heute nicht nur mehr Lasten, sondern auch mehr Nutzen.