Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

"Meine kleine Tochter wüsste gerne, warum es in der evangelischen Kirche Pastorinnen gibt. Was sage ich ihr? Jesus war ein Mann, die ersten Jünger waren Männer."

Die Antwort könnte so einfach sein. "Warum nicht?" Leider ist es nicht so einfach. Zurück zum Anfang, zu Jesus. Unter den Menschen, die ihr altes Leben stehen und liegen ließen, um Jesus zu folgen, waren auch Frauen. Höchst unwahrscheinlich, dass Jesus sich nicht mit ihnen unterhalten und ihre Sicht der Dinge erfragt hat. Sie haben die Botschaft von der Nähe und Zuwendung des Gottes Israels genauso gehört, sie hatten genauso viele Fragen, sie wollten ihren Nachbarn davon erzählen. Maria, Martha, Magdalena. Die Frauen haben sich nicht aus Schmerz und Frust zurückgezogen, als ihr Lehrer tot in einer Gruft lag. Sie waren die ersten Osterzeuginnen. Das Christentum beginnt, so gesehen, mit einem Tabubruch: Die Kirche ist auf dem Zeugnis von Frauen gebaut. Das gerät schnell in Vergessenheit. Geblieben ist der Satz des Apostels Paulus: "Die Frau schweige in der Gemeinde." Aus dem Kontext gerissen wird daraus eine kirchenpolitische Maxime. Dass es Apostelinnen gegeben hat, wissen wir heute. Frauen haben Gemeinden mitgegründet und -finanziert. Das wissen wir aus Nebensätzen. Die frühe Kirche hat in ihren Anfängen sämtliche Ordnungsmodelle auf den Kopf gestellt: Nichtjuden sitzen neben Juden, Männer neben Frauen, Sklaven neben Reichen. Doch schnell setzt sich die alte Ordnung durch. Eine Schuldgeschichte, die selten als solche erinnert wird.

In der evangelischen Kirche dauert es bis ins 20. Jahrhundert, bis die Einsicht sich durchsetzt, dass nach der biblischen Überlieferung Jesus nicht ein Mann, sondern ein Mensch geworden ist. Dabei ist das die Pointe von Weihnachten. Das Geschlecht kommt mit den Zeitumständen. Eine Frau als Lehrerin des Reiches Gottes hätte es damals nicht bis ins 33. Lebensjahr geschafft. Jesus beruft Frauen und Männer, die das Ihre dazu tun, dass alle Welt von Gottes Zuwendung zu ihnen erfährt.

Theologisch war lange klar, dass auch Frauen das Amt der öffentlichen Verkündigung und der "Verwaltung der Sakramente" ausüben können sollten. Doch die Gleichheit in der Ordination, also der Beauftragung zum Pastorinnenamt, muss lange erkämpft werden. Erst dürfen Frauen nur Pastorinnen für Kinder und Jugendliche sein. Frauen im Pfarramt müssen im Zölibat leben – in einer Kirche, die einst mit dem Kampf gegen den Zölibat angetreten ist. Im Zweiten Weltkrieg kam die Notordination. In den meisten Kirchen in Deutschland brauchte es aber noch bis zu 30 Jahre, bis Frauen das volle Ordinationsrecht erhielten. Die Gründe waren da schon keine theologischen mehr. Man wolle die Gemeinden nicht erschrecken, hieß es. Offen wurde eingestanden, dass die Ordination von Frauen eine Machtfrage war. Mit der Botschaft Jesu Christi hatte das nichts zu tun.

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