Der Abend in München brachte einen Eklat für die Buchwelt und die Wissenschaft: In der vergangenen Woche wurde der Bayerische Buchpreis in den Kategorien Sachbuch und Roman verliehen, wie immer ermittelt aus je drei Titeln von einer dreiköpfigen Jury in Livediskussion und -abstimmung im voll besetzten Saal. Vor überraschtem Publikum nahm nun besagte Jury live und im Konsens das Buch einer im Saal anwesenden Kandidatin für den Preis von der Liste. Das Werk Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter der Soziologin Cornelia Koppetsch war nominiert worden, jetzt erklärten die Juroren unter Verweis auf Vorwürfe "hinsichtlich der korrekten Zitierweise" diesen außergewöhnlichen Vorgang; im Buch würden ganze Satzperioden von anderen Autoren übernommen, ohne korrekte Quellenangabe. Der Vorwurf des Plagiats stand also im Raum; die mehrfach vorab über drohende Diskussionen informierte Autorin hatte aber offenbar ihr Buch nicht zurückziehen wollen. (Den Preis bekam dann übrigens der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller für sein Buch Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus.)

Cornelia Koppetsch ist eine der renommiertesten deutschen Soziologinnen und lehrt als Professorin an der TU Darmstadt. Ihr im Mai im kleinen, angesehenen Wissenschaftsverlag Transcript erschienenes Buch über die weltweiten gesellschaftlichen Ursachen für den Aufstieg der Rechtspopulisten bekam große Resonanz und viele lobende Rezensionen, so in der Süddeutschen Zeitung, in der FAZ und in der ZEIT, im Juli/August landete es auf Platz 1 sowohl auf der Sachbuchbestenliste von ZEIT, ZDF und Deutschlandradio als auch auf der Liste von Welt,NZZ, WDR5 und Österreich 1.

Koppetsch räumte nach den Vorwürfen "handwerkliche Fehler" an unterschiedlichen Stellen des Buches ein, vor allem in Bezug auf die Themen und Thesen ihres Kollegen Andreas Reckwitz und dessen Buch Die Gesellschaft der Singularitäten, das 2017 mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet worden war. Mittlerweile scheint jedoch klar, dass das Problem mit dem Buch umfassender ist. Wie zunächst bekannt wurde, hatte der Historiker Frank Biess bereits vor Monaten diverse von Koppetsch aus seinem Buch Republik der Angst (Rowohlt) übernommene, ungekennzeichnete Passagen festgestellt und Rat bei der Ombudsstelle für die Wissenschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeholt und den Verlag kontaktiert. Daraufhin hatten Koppetsch und der Transcript Verlag im Oktober eine veränderte und korrigierte zweite Auflage erstellt, in der Biess’ Hinweise teilweise berücksichtigt wurden.

Aber es kam noch mehr zutage. An Fallbeispielen quer durch die sozialwissenschaftliche Literatur der Gegenwart, die bei Koppetsch auftaucht, wurden in der FAZ und im Bayerischen Rundfunk die problematischen Zitationsformen vorgeführt. "In der Musik würde man wohl von einem Mashup sprechen", so BR-Journalist und Juror Knud Cordsen, "einem Amalgamieren von Sätzen und Formulierungen verschiedener anderer Autoren zu einem Text, der dann als der eigene ausgegeben wird." Oliver Nachtwey, Professor für Sozialstrukturanalyse in Basel, erklärte auf Twitter, dass Koppetsch einen Text von ihm paraphrasiert und mit ähnlicher Überschrift versehen habe, ohne auf das Original zu verweisen. Andere betroffene Autoren halten sich öffentlich zurück, solange eine intensivere Untersuchung nicht abgeschlossen ist; dem Vernehmen nach haben sich bereits einige beim Verlag gemeldet.

Denn die Sache ist ja so komplex wie heikel und differenzierungsbedürftig, wie die zahllosen Plagiatsvorwürfe der letzten Jahre belegen; vor allem können gründliche Untersuchungen lange dauern, wie man zuletzt bei der Doktorarbeit der Ministerin Franziska Giffey erleben konnte. Es gibt auch in Fällen des geistigen Eigentums Grauzonen und Grenzfälle; nicht jedes geschriebene Wort kann eine bewusste Neuschöpfung sein, in welcher Textgattung auch immer. Klar ist jedoch nach den bisher bekannt gewordenen Beispielen aus Koppetschs Buch, immerhin eines der meistdiskutierten Sachbücher dieses Jahres, dass es nicht bloß um ohnehin im aktuellen diskursiven Raum schwebende Formulierungen, Begriffe und Sätze geht. Es geht um Übernahmen, Aneignungen und Verschleierungen, die zum Beispiel eine Professorin ihren Studierenden in Seminararbeiten nicht durchgehen lassen kann, aber auch ansonsten in Büchern nicht zulässig sind – seien sie nun wissenschaftlich oder populär. Ein typisches Beispiel ist das sogenannte "Bauernopfer": Man zitiert einen Autor, um nach dem Zitat in scheinbar eigenen Worten, aber sehr eng an den weiteren Text des Autors angelehnt fortzufahren – womit man suggeriert, dass das ohne Anführungszeichen Geschriebene als Deutung dem eigenen Kopf entstammt. Letztlich wird das momentan noch nicht absehbare Ausmaß solcher und anderer Plagiatstechniken entscheidend sein.

Die TU Darmstadt hat ein offizielles Prüfverfahren eingeleitet, um den öffentlich geäußerten Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens zu klären; wenn sich die Anhaltspunkte verdichten, gäbe es dazu einen internen Untersuchungsausschuss; da es ein laufendes Verfahren sei, würde man keine weiteren Stellungnahmen abgeben. Äußerst karg fällt die Stellungnahme von Cornelia Koppetschs Verlag aus: In einer Presseerklärung vom Dienstag räumt Transcript fehlende Quellenbelege ein; eine rechtliche Bewertung des Vorganges stünde noch aus. Es wird eine überarbeitete dritte Auflage des Buches angekündigt, die (ja bereits nach Einwänden überarbeitete) zweite Auflage ist bis dahin nicht mehr im Handel erhältlich. Ob eine solche Überarbeitung angesichts der Fülle der bereits jetzt bekannten problematischen Passagen gelingen kann, bleibt abzuwarten. Ebenso, ob eine renommierte deutsche Sozialwissenschaftlerin ohne bleibenden Rufschaden aus dieser Angelegenheit herauskommen kann.